Junge weibliche Elite auf der Überholspur

Elite

Christina Reuter wurde mit 31 Deutschlands jüngste Aufsichtsrätin. Topqualifizierte Frauen wie sie profitieren von der Digitalisierung, der Quote und harter Pionierarbeit.

Hier irgendwo zwischen den 1200 Menschen muss sie doch sein, die versteckte Kamera. Kurz nachdem der ältere Herr auf der Hauptversammlung von Beiersdorf im Hamburger Congress Centrum das Mikro ergriffen hatte, beginnt Manuela Rousseaus Blick zu schweifen. Vom Podium aus scannt sie den Saal. Der Aktionär hat soeben erklärt, dass Frauen für Führungsaufgaben nicht geeignet sind. Als er sich wieder setzt, gibt es vom überwiegend männlichen Publikum: Applaus. Der Vorstandsvorsitzende schweigt, der Aufsichtsratsvorsitzende schweigt, drei Frauen auf dem Podium schweigen. Es ist der 31. März 2015.

Wenn Manuela Rousseau heute in ihrem Büro mit Blick über Hamburg-Eimsbüttel davon erzählt, hört man ihr die Verwunderung darüber, dass „so ein Auftritt“ im Jahr 2015 noch möglich war, immer noch an. Sie weiß allerdings auch: Der aufgebrachte Aktionär vertrat keine Einzelmeinung.

Ramona Pisal, ehemalige Präsidentin des Deutschen Juristinnenbunds, berichtet Ähnliches. Vertreterinnen des Verbandes besuchten, zeitweise mit staatlicher Unterstützung, seit 2009 Hauptversammlungen vor allem der Dax-30-Unternehmen, um dort immer wieder dieselben Fragen zu stellen: Wie viele Frauen sitzen im Nominierungsausschuss des Aufsichtsrats? Welche Zielquote haben Sie sich für den Vorstand gesetzt? Wie sieht es in der Führungsebene darunter mit der Beförderung von Frauen aus? „Das Publikum hat uns meist deutlich zu verstehen gegeben, dass es davon nichts wissen wollte“, sagt Pisal, die selbst etwa 30 Hauptversammlungen besucht hat. „Die Leute buhten oder standen demonstrativ auf.“ In jüngeren Jahren jedoch bemerkte Pisal einen Wandel. „Da gab es dann auch mal Applaus.“

Der Wandel kam nicht von selbst. Er ist, wenn man so will, staatlich erzwungen. Genau einen Monat nach der Hauptversammlung von Beiersdorf trat am 1. Mai 2015 das umstrittene FüPoG in Kraft, das „Gesetz für die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und Männern an Führungspositionen“. Es legt fest, dass 30Prozent der Aufsichtsräte in börsennotierten und mitbestimmungspflichtigen Großunternehmen von 2016 an Frauen sein müssen. Gut hundert Firmen sind davon betroffen. Wird bei einer Neubesetzung die Quote nicht erfüllt und für einen frei werdenden Posten keine Frau gefunden, muss der Stuhl unbesetzt bleiben (wie 2018 geschehen bei Villeroy & Boch ). Etwa 3500 weitere Unternehmen sind außerdem verpflichtet, sich eigene Zielgrößen zur Erhöhung des Frauenanteils in Aufsichtsräten, Vorständen und obersten Managementebenen zu setzen.

Doch ist dem Gesetz in den vergangenen vier Jahren tatsächlich geglückt, was zuvor jahrzehntelang nicht gelungen ist, nämlich einen generellen Kulturwandel in Deutschlands Unternehmen einzuleiten? Oder wird nur getan, was von Gesetzes wegen unbedingt sein muss?

„Manche Männer sagten ‚Mädchen‘ zu mir“

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