Hilfe, die Börse schrumpft

Börsengang

Eigentlich konnte von einem Börsengang keine Rede sein, als Ulrich Schumacher in jenem März 2000 den Kapitalmarkt anzapfte. Schumacher ging nämlich nicht an die Börse, der damalige Chef des Halbleiterherstellers Infineon fuhr vor. Ach was, er raste. Mit einem silberglänzenden Porsche düste er auf den Frankfurter Börsenplatz, nicht einmal den Rennhelm hatte er vergessen. Der Unternehmenslenker schuf damit das Fotomotiv zur wilden Börsenzeit: Alle Unternehmen wollten an die Börse – und das so schnell wie möglich.

Inzwischen gehören diese Bilder einer fernen Zeit an. Verblasst, vergessen. Wer heute in die Statistiken schaut, stellt fest: Nicht nur die Börseneuphorie der Anleger ist längst passé, offenbar auch die der Unternehmen. Standen vor zehn Jahren noch mehr als 700 Firmen in Deutschland auf dem Kurszettel, sind es heute nach Angaben der Weltbank gerade noch 465. „Momentan ist die Börse einfach nicht sexy für Unternehmen“, sagt Hans-Werner Grunow von der Unternehmensberatung Capmarcon.

Anders als viele Anleger vielleicht denken, sind es nicht nur kleine Börsenlichter, die sich vom Parkett verabschieden. Aktuell kursieren Abschiedsgerüchte auch zu namhaften Firmen: Axel Springer, Osram, Rocket Internet. Was treibt diesen Börsenschwund? Ein Grund liegt in ausländischen Unternehmen mit kryptischen Kürzeln wie KKR, EQT oder CVC. Dahinter verbergen sich Private-Equity-Firmen, also private Beteiligungsgesellschaften. Oder frei nach dem früheren SPD-Chef Franz Müntefering: ausländische Investoren, die sich wie „Heuschrecken“ über deutsche Firmen hermachen.

Diese überwiegend ausländischen Finanzinvestoren folgen meist einer Lehrbuch-Strategie. Erst eine Firma übernehmen, sie dann vom Kurszettel streichen, den Laden auf Vordermann bringen und ihn am Schluss möglichst teuer wieder verkaufen. Die Börsennotiz ist für diese Investoren allenfalls lästig, denn börsennotierte Konzerne müssen ihre Strategieänderungen oft öffentlich machen – und geben der Konkurrenz damit Einblick in die eigenen Planungen. Und andere Aktionäre, die an der Börse mitsprechen wollen, stören die Beteiligungsgesellschaften nur.

„Früher war der Börsengang ein Ritterschlag für die Unternehmen“

Die Späher der privaten Beteiligungsgesellschaften suchen derzeit überall nach potenziellen Übernahmekandidaten.

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