Corporate Governance aktuell – Wer will, wer braucht den Kodex?

Corporate Governance Aktuell

Sie kennen alle das Sprichwort: „Was kümmert es uns, dass ein Sack Reis in China umfällt“ oder „… wenn in Holland ein Rad umfällt“. Genau so scheint es vielen mit dem neuen Kodex-Entwurf der Regierungskommission zu ergehen. Überflüssiges wurde gestrichen, der Rest neu sortiert und ein paar Aufregerthemen („Vorstandsvergütung“) positioniert.

Aber weite Teile der Wirtschaft scheint das nicht zu interessieren. Was mich zu zwei zentralen Fragen führt: Wer will den Kodex, wer braucht den Kodex?

Zwar wurde zu Unterstützung der Regierungskommission eigens eine Studie gefertigt, laut der 38 namenlose Aufsichtsräte überwiegend bestätigen, dass der Kodex wichtig sei. Aber seien wir ehrlich: Wichtig ist für viele vor allem die Ankündigung, dass der neue Kodex nach der Reform für mehrere Jahre nicht mehr angefasst wird. Vor dem Hintergrund dieses Versprechens ist der Rest irrelevant.

Zu wichtigen Themen schweigt der Kodex

Kein Wunder, denn die Dax-Unternehmen haben ihre Systeme geschaffen, mit dem Kodex umzugehen: Haken dran und weiter. Und zu wirklich relevanten Themen schweigt der Kodex ohnehin – sei es die Einflussnahme von Stimmrechtsberatern mit ihren Guidelines, das Agieren aktivistischer Aktionäre, die Mitbestimmung und damit verknüpfte Governance-Fragen oder die Konzernproblematik (um nur einige Beispiele zu nennen).

Man kann der drohenden Kodex-Reform natürlich durch Schweigen seine Zustimmung geben und damit die Corporate-Governance Diskussion auf lange Zeit zum Erliegen bringen. Das ist – kurzfristig betrachtet – ein Thema weniger, mit dem man sich beschäftigen muss.

Aber dann muss auch jede einzelne Verantwortliche – und das sind in erster Linie die Aufsichtsrats- und Vorstandsvorsitzenden der börsennotierten Unternehmen – die Konsequenz akzeptieren, dass dieses Schweigen andere (nicht nur die institutionellen Investoren und die Stimmrechtsberater, sondern auch die Politik) ermuntert, noch eine Schüppe drauf zu legen.

Wir brauchen eine neue Diskussionskultur

Ich fürchte: Ein Land und sein Kapitalmarkt, das sich nicht durch eine rege Corporate-Governance- Diskussion immer wieder selber in Frage stellt und sich in Fragen der Unternehmensführung und -kultur weiter entwickelt, bleibt stehen und wird gefressen – wie das Kaninchen von der Schlange.

Immerhin gibt es erste Anzeichen, dass eine breitere Diskussion beginnt. So hat die FAZ in dieser Woche unsere Argumentation aufgegriffen und weitere Kritiker zu Wort kommen lassen. Warten wir also ab, was in den nächsten Wochen passiert und womit uns die Regierungskommission noch überraschen wird.

Wir bleiben dran und werden im neuen Jahr eine breit angelegte Aufsichtsrats- und Vorstandsinitiative starten – für Good Governance und einen Kodex, der den Namen verdient, weil er Unternehmen hilft und sie nicht gängelt.

Ergänzungen, Anmerkungen, Widerspruch? Ich freue mich auf Ihr Feedback: dehnen@vard.de

Editorial von Peter H. Dehnen -> Zur Person.