Aufsichtsräte stehen vor der HV-Saison im Fokus von Medien und Öffentlichkeit. Ist das (mal wieder) eine Aufmerksamkeitsblase – oder Vorbote eines fundamentalen Wandels?

Aufmerksamkeitsblase

HELAU, liebe Leser der GermanBoardNews,

die Wirtschaftsmedien widmen sich mit wachsender Intensität dem Thema „Corporate Governance“. So schrieb der SPIEGEL vor drei Wochen unter der Überschrift „Kontrollverlust“ über „die Aufsichtsräte der DAX-Konzerne“. Im Scheinwerferlicht standen (mal wieder) die Herren Achleitner, Wenning, Kaeser, Hagemann Snabe und Zetsche.

Das Manager-Magazin beleuchtet in seiner aktuellen Ausgabe gleich zwei Governance-Themen: Dietmar Palan schreibt in der Titelstory über „Männer im Geldregen“ („Neue Regeln sollen den Anstieg der Vergütung in den Vorstandsetagen beenden – tatsächlich werden die Summen weiter wachsen“), und Philipp Alvares de Souza Soares sinniert: „Sinn-Salabim. CO2, Plastikmüll, Ungleichheit – die Wirtschaft steht unter Dauerfeuer. Es braucht einen „Purpose“, um die Kritiker zu besänftigen“. Dazu seien „konkrete Änderungen im Geschäftsmodell“ nötig, appelliert er an Aufsichtsräte und Vorstände.

Szenekenner dürfte die Themenkonjunktur zwar nicht sonderlich überraschen, da die HV-Saison langsam Fahrt aufnimmt. Aber ich frage mich: Ist es (mal wieder) viel Lärm um nichts? Kreist der Berg und gebärt ein Mäuslein? Hört eigentlich jenseits der Corporate-Governance-Community noch jemand hin?

Der „Tone from the Top“ muss stimmen

Wer diese Fragen voreilig bejaht und ein vorübergehendes Phänomen wittert, macht es sich zu einfach. Für mich ist klar: Die derzeitige mediale Aufmerksamkeit ist Begleiterscheinung eines fundamentalen Wandels. An den Themen „Nachhaltigkeit“ und „Purpose“ kommen Top-Entscheider nicht mehr vorbei. Sie müssen die Stakeholder ernst nehmen, aufrichtig mit ihnen kommunizieren und dabei glaubhaft vermitteln, dass der „Tone from the Top“ zur Unternehmenskultur und zum ‚Purpose’ passt.

Wer das nicht schafft, riskiert die Zukunft seines Unternehmens. Und Fakt ist auch, dass dem Aufsichtsrat dabei eine ganz besondere Verantwortung zukommt – schließlich definiert das Gremium die Leitlinien des unternehmerischen Handelns und entscheidet über die Besetzung des Vorstandes, eine immer bedeutsamer werdende Personalverantwortung.

Entscheider brauchen Orientierung, keine Bevormundung

Ich bin überzeugt: Jede Person, die Verantwortung trägt, braucht für ihr Handeln Orientierung und Leitlinien, an denen sie gemessen werden kann. Und es ist allemal besser, wenn Unternehmen selbst Leitlinien und Prinzipien definieren, als dies Dritten, zum Beispiel Politikern und Investoren, zu überlassen.

Was spricht also dagegen, im Dialog mit sämtlichen Stakeholdern solche Leitlinien zu verfassen? Ich meine: gar nichts. Es gibt hier viel mehr ein Gebot des Handelns.

Die Vereinigung der Aufsichtsräte in Deutschland (VARD) hat sowohl Berufsgrundsätze für den Aufsichtsrat als auch Prinzipien Leitlinien für einen Unternehmenskodex entworfen, die wir auf dem  16. Deutschen Aufsichtsratstag im Rahmen eines Workshops zu #FutureGoodGovernance zur Diskussion stellen. Alle Top-Entscheider, Aufsichtsräte und Vorstände sind herzlich eingeladen, sich an diesem Dialog zu beteiligen.

Wenn wir keine Leitlinien definieren, tut es jemand anderes für uns; und dann ist es für klagen und jammern zu spät.

 

In diesem Sinne: Helau und Alaaf!
Ihr
Peter Dehnen 

 

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