Corporate Governance: Wie Theodor Weimer die Börse zu einem besseren Ort machen kann

Theodor Weimer

Lieber Leser der GermanBoardNews,

zu den gefragtesten Entscheidern gehört derzeit Theodor Weimer. Seine Berufung in den Aufsichtsrat der Deutschen Bank hat weit über die Finanzbranche hinaus ein positives Echo ausgelöst. Misstöne kamen nur auf, weil im Umfeld der Deutschen Börse befürchtet wurde, er könne Paul Achleitner bereits 2022 als Aufsichtsratschef ablösen – und deshalb als CEO aufhören.

Das zeigt: Zahlreiche Menschen setzen große Hoffnungen in Theodor Weimer. Ich gehöre ebenfalls dazu. Denn der Chef der Deutschen Börse ist nicht nur ein hochkarätiger Manager, sondern auch jemand, der über den Tellerrand schaut und gesellschaftliche Entwicklungen aufmerksam beobachtet (wie auch unser aktuelles Interview mit ihm eindrucksvoll zeigt).

Ich bin deshalb guter Dinge, dass er ein offenes Ohr für eines unserer zentralen Anliegen im Rahmen der Initiative #FutureGoodGovernance (#FGG) hat: die Börse zu einem besseren Ort zu machen – einem Ort also, an dem Unternehmer frisches Kapital erhalten, ohne sich aggressiven Aktionären auszuliefern. Einem Ort, der langfristiges unternehmerisches Denken honoriert und nicht in Form von Kursabschlägen bestraft.

Aufsichtsräte als Garanten für Stakeholder Value

Wir hier bei der Vereinigung für Aufsichtsräte in Deutschland (VARD) sind überzeugt: Es gibt einen Weg, aggressive Investoren auszubremsen, ohne Eigentümerrechte auszuhebeln. Dazu müsste die Deutsche Börse maßgeschneiderte Corporate-Governance-Standards zur Voraussetzung für ein Listing machen – allen voran einen unabhängigen Aufsichtsrat, der dann als Bollwerk gegen Aktivisten fungieren könnte.

Der Zeitpunkt für einen solchen Paradigmenwechsel ist günstig. Denn die Corona-Krise offenbart, wie weit sich die Aktienmärkte von der Realwirtschaft entkoppelt haben. Das liegt nicht zuletzt an der Shareholder-Value-Doktrin, deren Nachteile derzeit deutlich zutage treten: Zahlreiche Unternehmen haben viel ausgeschüttet, aber wenig auf die hohe Kante gelegt. Sie haben kostenoptimierte, aber instabile Lieferketten aufgebaut. Und sie haben durch hastige Sparprogramme Vertrauen verspielt.

Bekenntnis zu nachhaltiger Unternehmensführung

Nach der Krise wird es nun verstärkt um Stabilität und Vertrauen gehen – und weniger um Kosten- und Renditeoptimierung. Der Wechsel von Shareholder- zum Stakeholder-Value-Konzepten dürfte sich beschleunigen. Entscheider können Kurzfrist-Investoren deshalb schlechter gebrauchen denn je – und werden in manchen Fällen versucht sein, ihnen durch ein Delisting zu entkommen.

Ich bin deshalb überzeugt: Die Deutsche Börse wäre gut beraten, dem Stakeholder-Value-Trend Rechnung zu tragen. Klug ausgestaltete Corporate-Governance-Standards wären ein wichtiges Bekenntnis zu nachhaltiger Unternehmensführung, ein klares Signal an Spekulanten – und zugleich ein starkes Instrument, ihren Einfluss zu begrenzen.

 

Herzlichst

Ihr Peter H. Dehnen (Herausgeber)

 

Ergänzungen, Anmerkungen, Widerspruch? Ich freue mich auf Ihr Feedback:  herausgeber@germanboardnews.com