Wirecard ist ein Weckruf! Wir brauchen einen Corporate-Governance-Masterplan.

Wirecard

Liebe Leser der GermanBoardNews,

während der Bund Anteile an der Lufthansa übernimmt und seine Vertreter in den Aufsichtsrat ‚entsendet‘, laufen bei der anderen prominenten Beteiligung, der Commerzbank, der Vorstands- und der Aufsichtsratsvorsitzende , weil sie offenbar dem Druck eines Investors nicht standhalten können/wollen (siehe dazu unser heutiges Top vs. Flop).

Ich möchte mich heute zunächst  nochmal (und bestimmt nicht zum letzten Mal) dem WIRECARD-Skandal widmen. Denn mich treibt insbesondere die Frage um:

Wo war und ist der Aufsichtsrat?

Ich weiß, ich werde für diese Zeilen Prügel bekommen, aber für mich ist der Fall Wirecard eine Schande für und ein Vertrauensverlust in den Berufsstand des Aufsichtsrates! Wir sollten deshalb  aufhören, uns auf die Schultern zu klopfen und Dinge schön zu reden. Denn so kommen wir nicht weiter. Welche ernst zu nehmende Person mit Reputation wird sich in Zukunft noch einen Aufsichtsratsposten antun? Wie kann man von Investoren verlangen, Vertrauen in den deutschen Kapitalmarkt zu haben und Aktien zu kaufen? Es gibt Ausschüsse mit Finanzexperten, Vorschriften und Prüfungen, Compliance Systeme und Künstliche Intelligenz, den Deutschen Corporate Governance Kodex … und es gibt trotzdem den Fall Wirecard? Das will mir nicht in den Kopf. Nicht im Jahr 2020.

Das Versagen des Aufsichtsrats (und die rechtlichen Konsequenzen)

Sicher: Wir haben ein Totalversagen des deutschen Corporate-Governance Systems erlebt. Die Wirtschaftsprüfer, die DPR, die Bafin – sie sind nur ein Teil der Versagenskette. Ganz vorne in der Verantwortungskette steht für mich jedoch der Aufsichrat! An der Kompetenz der Akteure (nachzulesen in den Lebensläufen) und an der Frauenquote (vorbildlich) dürfte es nicht gelegen haben – jedenfalls seit dem vor zwei Jahren begonnenen Umbau des Gremiums. Was wusste der alte Aufsichtsratsvorsitzende  und wie hat er sein Mandat an den neuen übergeben? Gab es für neue Aufsichtsräte ein Onboarding und wie sah das aus? Warum ist das wichtig?

Im Strafrecht gilt die Unschuldsvermutung, im Aktienrecht gilt die Beweislastumkehr: Der Aufsichtsrat haftet (neben dem Vorstand) persönlich (!) und gesamtschuldnerisch für von ihm verursachte Schäden, wenn sie ihre Sorgfaltspflichten verletzt haben. §93 (2) Satz 2 AktG: „Ist streitig, ob sie die Sorgfalt eines ordentlichen und gewissenhaften Geschäftsleiters angewandt haben, so trifft sie die Beweislast.“

Es ist für Vorstände und Aufsichtsräte sehr schwierig bis unmöglich, dieses ‚Spiel‘ gegen einen Insolvenzverwalter zu gewinnen. Die D&O Versicherung (wenn es eine gibt) haftet nur in dem Umfang der Versicherungssumme. Für (nicht mit bedingtem Vorsatz handelnde) Aufsichtsräte und die Deckung ihrer Verteidigungskosten bedeutet dies: wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Ich könnte hier noch lange fortfahren (NB: keiner von uns möchte mit einem der Wirecard-Aufsichtsräte tauschen), aber im Kern geht es um mehr, nämlich um das große Ganze.

Ein Kodex verhindert keine Skandale (aber was dann?)

Deshalb zunächst ein Blick zurück: Im Jahr 2001 stellte ENRON die Corporate-Governance-Welt auf den Kopf. Unglaubliches war geschehen. Diesem Skandal verdanken wir letztlich unseren Deutschen Corporate Governance Kodex.

In Deutschland ist ein solcher Skandal undenkbar? Pustekuchen. Wir hatten bereits vor Enron  die FLOWTEX AG (Baumaschinen, die es nicht gab) und rund 20 Jahre später die P&R-Pleite(Container, die es nicht gab). Weitestgehend leise und vom deutschen Kapitalmarkt fast unbemerkt fand schon 2017 der Bilanzskandal STEINHOFF statt (11 Milliarden Euro Kursverlust in kürzester Zeit). Spätestens da hätten wir wach werden und merken müssen, dass ein gut gemeinter Kodex nichts ausreicht.

Bereits im Januar 2018 hat die Vereinigung der Aufsichtsräte in Deutschland (VARD) deshalb vorgeschlagen, hohe Corporate-Governance-Standards zur Bedingung für ein Listing an der Deutschen Börse zu machen (bitte hier entlang).

Die Liste krimineller Skandale ist natürlich viel länger. Nicht immer war die Bafin, aber fast immer waren Wirtschaftsprüfer und Aufsichtsräte involviert. Und im ‚driver seat‘ saßen immer große Egos mit großer Gier nach Ruhm, Geld und Macht. Kann man dagegen konkret etwas tun? Wenn ja, wer und was?

Unsere Agenda für bessere Unternehmensführung

Das Problem zu erkennen, beim Namen zu nennen und nicht einfach weiter zu machen wie bisher, ist bestimmt der erste große Schritt. Kriminelle Machenschaften wird es immer geben, aber jeder Kapitalanleger sollte wissen, worauf er sich verlassen kann:

  1. maximale Transparenz für alle Stakeholder mit Verpflichtung zur Kommunikation;
  2. weniger, aber dafür umso klarere gesetzliche und regulatorische Vorschriften;
  3. eine konsequente Überwachung („Null Toleranz“);
  4. ein greifbares Berufsethos von Aufsichtsräten und Vorständen;
  5. finanzielle Haftung und moralische Sanktionen.

Das sind Prinzipien, die es nun mit Inhalt zu füllen gilt. Das Bundesfinanzministerium und Olaf Scholz haben den Ball schon aufgenommen – und wir hoffen, dass die Deutsche Börse nachzieht. Auch der Aktienrecht-Gesetzgeber ist gefordert.

Besonders wichtig ist aus unserer Sicht Punkt 4: ein greifbares Berufsethos von Aufsichtsräten und Vorständen. Wir schlagen deshalb als einen ersten Schritt vor,  die VARD-Berufsgrundsätze für Aufsichtsräte allgemein verpflichtend zu machen – als eine Art hippokratischen Eid für Entscheider.

Um diese und andere Ideen weiterzuentwickeln, brauchen wir jetzt einen  Dialog, eine Art „ runden Tisch“. Dabei geht nicht darum, dem geflickten Reifen weitere Flicken zu verpassen. Wir brauchen einen neuen Reifen – Mantel, Schlauch und Ventil.

 

Wir von der VARD sind gerne bereit, unsere Ideen und unsere internationale Erfahrung einzubringen. Unsere Initiative #FutureGoodGovernance weist hier den Weg.

 

Mit sommerlichen Grüßen
Ihr
Peter H. Dehnen

 

PS. Mit dieser Ausgabe verabschieden wir uns in die Sommerpause und melden uns im August zurück. Wir werden die aktuellen Entwicklungen aber weiter beobachten und Sie auf dem Laufenden halten – auf unseren LinkedIn– und Twitter-Kanälen sowie auf futuregoodgovernance.de.

 

Ergänzungen, Anmerkungen, Widerspruch? Ich freue mich auf Ihr Feedback:
herausgeber@germanboardnews.com

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