Die Macht der Investoren: Warum stärkere Aufsichtsräte die bitterste Pille für Paul Singer & Co. wären

Schach

Liebe Leser der GermanBoardNews,

in dieser Woche wurde der 123 Seiten starke Entwurf eines Gesetzes zur Stärkung der Finanzmarktintegrität (Finanzmarktintegritätsstärkungsgesetz – FISG) veröffentlicht. Schon der Blick auf die Zielsetzung („… Jüngste Vorkommnisse haben gezeigt, dass insbesondere die Bilanzkontrolle gestärkt und die Abschlussprüfung weiter reguliert werden müssen…“) zeigt: Mit dem Gesetz wollen Bundesfinanz- und -justizministerium Lehren  aus dem Fall Wirecard ziehen und als Agenda in Szene setzen.

Wir alle wissen aber – auch wenn wir noch nicht viel wissen, weil aus haftungsrechtlichen und prozesstaktischen Gründen das Gebot des Schweigens gilt -,dass es bei Wirecard (wie bei Steinhoff und anderen Fällen zuvor auch) um ein komplettes Governance-Systemversagen geht. Das System als Ganzes in Frage zu stellen, wagen sich die genannten Bundesministerien jedoch nicht.

Das ist durchaus nachvollziehbar. Man müsste sich schließlich mit komplexen und schwierigen Fragen auseinandersetzen – wie zum Beispiel diesen: Funktioniert das im deutschen Gesellschaftsrecht verankerte Kontroll-Governance-System in der digitalen und von immer mächtiger werdenden institutionellen Investoren getriebenen Welt überhaupt noch? Wem gehört die Wirtschaft und welche soziale Verantwortung haben Unternehmen und ihre  Stakeholder? Welche Rolle spielen bei Fragen der Governance die Ethik und die Unternehmenskultur? Wer entscheidet und wer überwacht wen wie und wobei?

Wir sind mit diesem Problem natürlich nicht alleine auf der Welt. Jetzt gibt es mit #vastaamo ein #Wirecard auf finnisch – ein weiterer Alptraum und damit sozusagen die Steigerung des Unvorstellbaren. Und auch hier heißt es nun: “Man hatte es längst kommen sehen, niemand hatte etwas dagegen getan.“

Der Worst Case für Wirtschaft und Kapitalmarkt

Um Antworten auf die oben gestellten Fragen zu geben, muss man einige Zusammenhänge erst einmal richtig verstehen. Und dabei hilft es manchmal, sich den schlimmsten anzunehmenden Fall vorzustellen. Aber was wäre der Worst Case für das deutsche Wirtschafts- und Finanzsystem? Was wäre noch gewaltiger als Wirecard, Steinhoff und die Lehman-Pleite?

Denken wir das Unvorstellbare: Das Anlagevolumen der großen internationalen institutionellen Investoren wächst immer weiter und weiter – und mit ihm ihre Macht, das heißt  der Einfluss auf Unternehmen und deren handelnde Personen sowie auf die (privatwirtschaftlich organisierte) Deutsche Börse und deren Regelwerk.

Auf dem Höhepunkt dieser Entwicklung und in schweren wirtschaftlichen Zeiten verlässt dann bei Blackrock Larry Fink die Bühne und wird ersetzt von einem Typen, der ähnlich tickt wie Paul Singer – also einem aggressiven Investor, der vor allem auf das schnelle Geld schielt und Unternehmen massiv unter Druck setzt.

Was wäre dann am deutschen Kapitalmarkt wohl los? Wie würde die Politik (re)agieren? Sind wir auf solche Szenarien – auch in milderer Form – vorbereitet? Diese Frage ist natürlich rhetorisch.

Mit einer Reform der Bafin und mit noch mehr Prüfung macht man sicherlich nichts falsch, löst aber nicht das wahre Problem. Stattdessen dreht die Politik nur noch ein paar mehr Schrauben in die Stahlplatte, damit das alte System weiter hält. Meines Erachtens müssen wir das schleunigst ändern und  – mit Schwung und offenen Augen –  einen breiten strukturierten Dialog starten, um ein besseres, zukunftsfähiges Corporate-Governance-System zu entwickeln.

Klar ist für mich schon jetzt: Gegen Investoren vom Schlage eines Paul Singer brauchen wir bitterere Pillen – und zwar in Form starker, professioneller Aufsichtsräte mit mehr Kompetenzen und mehr Verantwortung, die  unabhängig von Investoren und anderen starken Stakeholdern sind. Ein wichtiger Schritt in diese Richtung wäre der neue  §100a AktG, den ich in der letzten Ausgabe der GermanBoardNews vorgeschlagen habe. Dazu demnächst mehr.

Bleiben Sie gesund!

Herzliche Grüße

Ihr

Peter H. Dehnen (Herausgeber)