Entscheider in die Verantwortung nehmen, ohne sie zu gängeln – ein Vorschlag für einen neuen Paragrafen im Aktiengesetz

Paragraf

Liebe Leser der GermanBoardNews,

während wir mit Spannung die ersten Ergebnisse des Bundestagsuntersuchungsausschusses im Fall Wirecard und die neuen DAX-Regeln der Deutschen Börse erwarten, zeichnen sich erste politische Reformen ab.

Es wäre aber sicherlich zu kurz gesprungen, wenn die wesentliche Lehre aus dem Fall Wirecard die wäre, die  BaFin zu stärken. Denn es gibt ja bekanntlich nicht nur am Finanzmarkt „böse Buben“. Was ist also mit all den Unternehmen, bis zu denen der lange Arm der BaFin nicht reicht?

Ich bleibe dabei: Der Aufsichtsrat ist und bleibt der Dreh- und Angelpunkt bei sämtlichen Überlegungen, um das Systemversagen zu beheben und verantwortungsbewusstes unternehmerisches Handeln zu fördern. Neue Corporate- Governance-Standards  für Unternehmen reichen deshalb nicht: Wir müssen auch an die handelnden Personen ran. Das heißt, wir  brauchen eine starke Personal Governance.

Aktiengesetz: Fast jeder darf Aufsichtsrat werden

Wer ins Aktiengesetz schaut, wird jedoch feststellen,  dass dort zum Beruf des Aufsichtsrats herzlich wenig gesagt wird: Paragraf 100 regelt kurz und knapp, welche persönlichen Voraussetzungen für ein Aufsichtsratsmandat vorliegen müssen.  Danach kann jeder Volljährige, der nicht unter gesetzlicher Betreuung steht, Aufsichtsrat werden. Punkt.

Interessant ist auch, dass der Begriff „Beruf“ in diesem Zusammenhang nicht auftaucht. Ich bin überzeugt: Diese Lücke müssen wir schließen – mit einem neuen Paragraf 100 a, der klar und eindeutig regelt, welche weiteren Voraussetzungen ein Aufsichtsrat mitbringen muss. Das könnte zum Beispiel ein Bekenntnis zu zentralen Personal-Governance-Prinzipien sein.

Die VARD-Berufsgrundsätze bieten hierzu eine gute Diskussionsgrundlage. Denn ein Aufsichtsrat ohne Berufsgrundsätze kommt einem Arzt ohne hippokratischen Eid gleich (siehe hierzu auch meinen aktuellen Gastbeitrag in der WirtschaftsWoche). Oder?

Regelmäßige Leser wissen, dass ich nicht dazu neige, neue gesetzliche Vorgaben zu fordern. Aber in diesem Fall bin ich überzeugt, dass ein klares Signal wichtig ist – und dass der neue Paragraf auf breite Akzeptanz stieße, weil er Entscheider in die Verantwortung nähme, ohne sie zu gängeln. Was meinen Sie? Ich freue mich auf Ihre Anmerkungen und Kommentare (Vertraulichkeit garantiere ich auf Wunsch).

Herzlichst,

Ihr Peter H. Dehnen (Herausgeber)