Deutsche Börse & ISS – Wächst jetzt der Einfluss institutioneller Investoren auf Corporate-Governance-Standards und Unternehmensführung?

Machtwort

Liebe Leser der GermanBoardNews,

in den vergangenen Tagen war in Corporate Governance Deutschland noch mehr los als wir erwartet hatten. Ohne damit Prioritäten definieren zu wollen, werden wir uns mit einigen Themen erst in den kommenden Ausgaben intensiver befassen können. Ich denke da an die neue Quotenregelung für Vorstände und den Wirecard Untersuchungsausschuss (sowie die Rolle von Tina Kleingarn). Aber auch das Thema ThyssenKrupp  geht mir nach wie vor unter die Haut und bedarf einer aktualisierten Bewertung – mit der Lupe.

Die Governance-Schlagzeile dieser Woche ist für mich: Deutscher Leitindex DAX wird durch zusätzliche Qualitätskriterien und Angleichung an internationale Standards gestärkt.

Die herausstechende Botschaft ist, dass wir nunmehr häufiger Diskussionen über die Qualität gelisteter Unternehmen erwarten dürfen. Dabei müssen wir lernen, zwischen den Zeilen lesen, wenn wir wirklich verstehen wollen, welche Richtung die Deutsche Börse in Bezug auf Corporate Governance eingeschlagen hat. Ich wage hier einmal eine Interpretation:

Während bei der aktuellen Konsultation in Bezug auf das Thema ESG noch diskutiert wird, wie „moralisch“ die Handelsplattform werden soll, ist die Deutsche Börse schon einen Schritt weiter gegangen – mit dem Kauf des US-Stimmrechtsberaters ISS Governance in der letzten Woche . Unternehmerisch ein kluger Schachzug, der sicher von der Hoffnung auf Gewinnsteigerungen durch Synergieeffekte getrieben wird.

Deutsche Börse & ISS – die neue Macht am Main

ISS ist in den vergangenen Jahren – nicht nur in Deutschland – durch seine sogenannten Policies aufgefallen, also die Abstimmungsvorgaben, die der Stimmrechtsberater nach intensiver Diskussion mit Marktteilnehmern definiert hat. Es ist also ein ähnliches Procedere, wie es die Deutsche Börse gerade für den DAX durchgeführt hat (hier die ISS Guidelines für die HV-Saison 2021).

Es wird also spannend sein, zu sehen, in welche Richtung der Marktplatzbetreiber Deutsche Börse, dessen Aktionäre zu 96 % institutionelle Investoren sind, jetzt seine eigenen Regeln entwickeln und in Einklang mit seinem ISS-Investment bringen wird (siehe hierzu auch die globalen „Voting Priciples“ von ISS). Auch bei ISS sind die Kunden institutionelle Investoren, die an ihren Dienstleister konkrete Erwartungen haben (denn dafür bezahlen sie schließlich).

Klar ist: Die Deutsche Börse ist de facto die Hüterin der Corporate Governance in Deutschland– Deutscher Corporate Governance Kodex hin oder her. Denn wenn sie Regeln setzt, kommt daran kein Unternehmen vorbei, das den Kapitalmarkt braucht.

Wer definiert in Zukunft die Corporate Governance?

Wir wissen zudem, dass die institutionellen Investoren klare Vorstellungen in Bezug auf Governance entwickelt haben (denken Sie etwa an Blackrock-Chef Larry Fink und seine Briefe an die CEOs). Und es würde mich nicht überraschen, wenn sie mit wachsender Vehemenz Wege suchen/finden, diese Vorstellungen in Taten umzusetzen – womöglich jetzt auch mit Hilfe der Deutschen Börse?

Die Gefahr, dass es immer stärker die Investoren sind, die Corporate Governance definieren und die Unternehmensführung beeinflussen, ist mit der ISS-Übernahme jedenfalls gestiegen. Bleibt die Frage, was die kapitalmarktorientierten Unternehmen und deren Stakeholder dem entgegenzusetzen haben. Ich fürchte: zu wenig.

Das bestärkt mich darin, den Gesetzgeber zu ermuntern, die Eckpfeiler des deutschen Corporate-Governance-Systems auf Mängel zu untersuchen – und schnellstmöglich aktiv zu werden. Die geplanten Neuregelungen im Gesetz zur Stärkung der Finanzmarktintegrität (FISG) können hier nur ein Anfang sein. Zusätzlich brauchen wir unter anderem Leitplanken für den Beruf des Aufsichtsrates und insbesondere eine Ergänzung des Aktiengesetzes um einen hippokratischen Eid.

Damit würden wir Aufsichtsräte in die Verantwortung nehmen, ohne sie zu gängeln und zugleich das klare Signal senden: Gute Aufsichtsräte sind der Schlüssel für Good Governance – und nicht die Investoren, die allzu oft eigene Interessen verfolgen. Das hat der Fall ThyssenKrupp eindrucksvoll gezeigt (dazu demnächst mehr an dieser Stelle).

Herzliche Grüße und bleiben Sie gesund!

Ihr Peter H. Dehnen (Herausgeber)

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