Warum die Razzia beim Ex-Wirecard-Aufsichtsratschef eine Mahnung für Bundesregierung & Börse ist

Liebe Leser*innen der GermanBoardNews,

eine Hausdurchsuchung bei einem ehemaligen Aufsichtsratschef – das kommt nicht alle Tage vor. In der letzten Woche erwischte es Wulf Matthias, den langjährigen Chefkontrolleur des Skandalunternehmens Wirecard. Und was der Spiegel darüber zu berichten hat, klingt in der Tat erschreckend: Emails legen demnach den Verdacht nahe, dass CEO Markus Braun, Vorstand Jan Marsalek und Matthias gemeinsam einen dubiosen 100-Millionen-Kredit bewilligten.

Matthias‘ Anwalt hat den Vorwurf der Untreue laut Spiegel zurückgewiesen, und natürlich gilt auch hier die Unschuldsvermutung. Der Fall zeigt allerdings, dass die Rolle der Aufsichtsräte im Wirecard-Skandal noch längst nicht ausgeleuchtet ist. Der mit gewaltigem Aufwand betriebene Bundestags-Untersuchungsausschuss hat hier nur wenig ans Licht gebracht und in erster Linie Schlagzeilen für die Medien geliefert.

Doch ich bin zuversichtlich, dass die Staatsanwaltschaft weitere interessante, prozessual verwertbare Fakten produziert. Und dann werden Anspruchsteller, allen voran der Insolvenzverwalter, zur Tat schreiten. Spätestens dann werden wird Einiges lernen – zum Beispiel, wie die „Beweislastumkehr“ bei kollektiv haftenden Vorständen und Aufsichtsräten in der Praxis funktioniert.

Managerhaftung: Ein Deal wie bei Winterkorn & Co.?

Spannend wird auch, ob und wie sich Insolvenzverwalter und D&O-Versicherer einigen. Einen fragwürdigen Deal wie jüngst mit Ex-VW-Chef Martin Winterkorn & Co. dürfte es wohl nicht geben – zumindest, wenn der Insolvenzverwalter seinen Job ernst nimmt.

Allerdings wäre es zu kurz gegriffen, allein den Juristen die Aufarbeitung zu überlassen. Auch die Politik und die Deutsche Börse sind gefordert, Corporate-Governance-Lehren aus dem Skandal zu ziehen: Wie konnte Wirecard so lange mit einem unprofessionellen Aufsichtsrat durchkommen? Und wie lässt sich derlei künftig verhindern?

(Selbstkritische Bemerkung am Rande: Wir haben früh eine Professionalisierung des Wirecard-Aufsichtsrats gefordert, Wulf Matthias dann aber 2018 für Neubesetzungen gelobt und das Gremium für „dax-reif“ erklärt. Rückblickend war das natürlich ein Fehler: Wir hätten dranbleiben und eine neue Aufsichtsratsspitze fordern müssen.)

Aus unserer Sicht ist klar: Investoren und andere Stakeholder müssen sicher sein können, dass ein Aufsichtsrat Mindeststandards erfüllt. Die Deutsche Börse darf es deshalb nicht bei halbherzigen Reformen belassen, sondern muss unabhängige und professionelle Aufsichtsräte endlich zur zwingenden Bedingung für ein Listing machen.

Zudem brauchen wir einen Paragraf 100 a im Aktiengesetz, der weitere Voraussetzungen für die Annahme eines Aufsichtsratsmandats definiert – allen voran ein Bekenntnis zu zentralen Personal-Governance-Prinzipien (also eine Art hippokratischer Eid). Beides fordern wir seit mehr als einem Jahr, bisher erfolglos. Aber ich verspreche Ihnen: Wir bleiben dran.

Herzlichst

Ihr Peter H. Dehnen