In Aufsichtsräten dominieren weiter altgediente Manager. Warum sich das dringend ändern muss.

Liebe Leserinnen und Leser der GermanBoardNews,

wir erleben das nächste Kräftemessen zwischen Investoren und Unternehmen: Die Aktionärsberatung ISS hat den Tesla-Anteilseignern empfohlen, zwei Verwaltungsräte abzusetzen – Kimbal Musk (Bruder von Firmenchef Elon Musk), und James Murdoch (Sohn von Medienmogul Rupert Murdoch).

Insbesondere Murdochs Wirken scheint den ISS-Experten ein Dorn im Auge zu sein. Er sitze in zentralen Board-Ausschüssen und sei deshalb wesentlich verantwortlich für schwere Corporate-Governance-Defizite bei Tesla (etwa „exzessive“ Saläre der Board-Mitglieder).

Der Fall zeigt erneut: Wenn über Corporate Governance diskutiert wird, dann in der Regel auf Betreiben der Investoren – und im Vorfeld von Hauptversammlungen. Ansonsten herrscht – ja, was eigentlich? Gleichgültigkeit? Fatalismus? Trägheit?

Die Deutschland AG lebt weiter

Dass sich ausgerechnet Aufsichtsräte und Vorstände bei Governance-Debatten zurückhalten, dürfte daran liegen, dass viele zunächst vor der eigenen Haustür kehren müssten. Wer sich etwa die Überwachungsgremien von Konzernen wie Daimler oder Allianz anschaut, stellt fest: Trotz Kodex und Frauenquote dominieren noch immer Altherren-Riegen, die an die Deutschland AG erinnern.

Hoffnung machen dagegen Newcomer wie HelloFresh und vor allem Zalando, deren Aufsichtsräte wir für die aktuelle Ausgabe unter die Lupe genommen haben: Beide Gremien sind deutlich professioneller aufgestellt als noch vor einigen Jahren, vielfältig besetzt und vergleichsweise jung. Im Vergleich dazu sehen Daimler & Co. im wahrsten Sinne des Wortes alt aus.

Da drängt sich die Frage auf: Wie sollen Aufsichtsräte bei Zukunftsthemen wie Künstliche Intelligenz, oder Blockchain auf Augenhöhe mitreden, wenn der personelle Schwerpunkt klar auf Verdiensten in der Vergangenheit liegt?

Aufsichtsräte brauchen neue Mehrheiten

Für mich ist klar, dass Kodex und Frauenquote die schlimmsten Auswüchse in Sachen Corporate Governance beseitigt haben. Aber der große Wurf steht weiter aus – und ist überfällig, um die anstehenden Herausforderungen zu meistern.

Nachdem Altherren-Riegen vorsichtig und wohldosiert um Frauen, Digital Natives und KI-Experten ergänzt wurden, gilt es nun, die nächste Stufe zu zünden. Das heißt konkret: Die Mehrheitsverhältnisse in den Aufsichtsräten müssen sich ändern. Wir brauchen weniger verdiente Manager – und mehr Spezialisten für Zukunftsthemen.

Dafür müssen Entscheider aber traditionelle Strukturen bei der Personalakquise aufbrechen und jenseits etablierter Netzwerke nach Kandidaten suchen.

Herzlichst

Ihr Peter H. Dehnen