ESG & Klimaschutz: Ohne G gibt‘s weder E noch S!

Ohne G gibt’s auch weder E noch S: Was ESG-Analysten und -Investoren vernachlässigen 

Liebe Leser*innen der GermanBoardNews, 

auf der Weltklimakonferenz in Glasgow werden – hoffentlich – gerade wichtige Weichen für die Zukunft unseres Planeten gestellt. Schon jetzt ist immerhin klar, dass der Gipfel den Klimaschutz noch stärker in den Fokus rückt, auch bei Vorständen, Aufsichtsräten und Aktionären.  

ESG-Ratings werden damit nach Glasgow weiter an Bedeutung gewinnen. Aber mir fällt auf: Während sich Analysten und Investoren intensiv mit Kennzahlen wie dem CO2-Fußabdruck oder dem Erwärmungsbeitrag eines Unternehmens befassen („E“), behandeln sie Governance-Kriterien („G“) oft stiefmütterlich.  

Die Frauenquote im Vorstand, der Anteil unabhängiger Aufsichtsräte – viel mehr kommt meist nicht. Reicht das, um die Unternehmensführung einschätzen zu können? Natürlich nicht.  

Mieser Ruf durch verzerrte G-Noten? 

Das wirft ein Schlaglicht auf ein Problem, auf das ich immer wieder hinweise: das „check-the-box“-Denken von Investoren und Analysten. Sie orientieren sich überwiegend an Kennziffern, und die sind gerade im Bereich „G“ rar – und oft weniger aussagekräftig als gedacht: So geht es bei Diversity um mehr als das die Frauenquote, auf die Analysten gerne abstellen.  

Zudem merkt man immer wieder, dass vielen Bewertern das Two-Tier-System und das Konstrukt „Aufsichtsrat“ fremd sind. Das erhöht das Risiko verzerrter G-Ratings, die die Gesamtnote womöglich erheblich verschlechtern (mit entsprechenden Auswirkungen auf Reputation und Finanzierungskosten).  

Oder die Note fällt zu gut aus und „ESG-Laggards“ mutieren auf dem Papier zu Vorzeigefirmen. Das wäre doppelt bedenklich, weil schlechte Governance zugleich die Chancen senkt, dass es besser wird. Denn gute Unternehmensführung ist die Basis für ökologische und soziale Nachhaltigkeit. Anders formuliert: Ohne G kein E und S. 

Mit Menschen reden statt mit Zahlen jonglieren 

Wir müssen deshalb diskutieren, wie wir zu besseren Bewertungen kommen. Ich bin überzeugt: Damit das Verzerrungsrisiko sinkt, sind neue aussagekräftige Indikatoren nötig. Wie wäre es etwa mit der Quote der Aufsichtsräte, die im Vorjahr eine Weiterbildung gemacht hat? Oder die sich zu einem Personal-Governance-Kodex bekennt?  

Zudem gilt es, die Fixierung auf Kennziffern abzulegen und auch aufs große Ganze schauen. Die Diskussionskultur im Aufsichtsrat (der zum Hüter der Unternehmenswerte Werte avanciert), der Teamgeist im Vorstand, das Ethos handelnder Personen – all das lässt sich nicht allein auf Zahlen verdichten. Es braucht die Bereitschaft, sich mit Menschen auseinanderzusetzen.  

Das ist erfahrungsgemäß nicht die Stärke von Analysten und Investoren, womit wir bei einem ketzerischen Gedanken wären: Brauchen wir für adäquate ESG-Bewertungen neue Instanzen? Sind soziale Kompetenzen, Menschenkenntnisse und HR-Erfahrung nicht wichtiger als die Fähigkeit, mit Zahlen zu jonglieren? Ich freue mich auf Ihre Einschätzungen.  

Herzlichst, Ihr Peter H. Dehnen