Das Vermächtnis von Paul Achleitner und Ulrich Lehner – über starke Halbzeiten und mutige Entscheidungen

Liebe Leserinnen und Leser der GermanBoardNews,  

es ist eine faustdicke Überraschung: Alexander Wynaendts (61) wird neuer Aufsichtsratschef der Deutschen Bank und damit Nachfolger von Paul Achleitner. Alexander wer? Selbst Kenner der Finanzbranche mussten Anfang letzter Woche erstmal googeln, wer künftig eines der wichtigsten Ämter der deutschen Wirtschaft bekleidet.  

Inzwischen hat sich herumgesprochen: Der Niederländer Wynaendts führte von 2008 an zwölf Jahre lang den Versicherungskonzern Aegon und hat damit Krisen- und Konsolidierungserfahrung. Zudem sitzt er in mehreren Aufsichts- und Verwaltungsräten, unter anderem bei Air France-KLM.   

Aber ist er der Richtige? Ich meine, dass er die Zahl seiner Mandate deutlich reduzieren muss – den Aufsichtsrat der Deutschen Bank leitet man nicht nebenbei. Was mich aber optimistisch stimmt: Als Kandidat, der nicht zu den üblichen Verdächtigen gehört, hat Wynaendts einen Startvorteil.  

Achleitners Coup ist Wynaendts‘ Chance 

Denn niemand kann ihm ohne Weiteres unterstellen, dass ihm Deutschland-AG-Kumpanei zu seinem Posten verholfen hätte. Kritiker, die zweifellos bereits mit den Hufen scharren, müssen sich deshalb etwas Besseres einfallen lassen.  

Diesen Vorteil hat der Niederländer seinem Vorgänger zu verdanken. Denn Paul Achleitner hat ihn nicht selbst ausgesucht: Das Auswahlverfahren überließ er der US-Amerikanerin Mayree Clarke, die „keine Verbindungen zu den Old Boys Clubs und Netzwerken der Deutschland AG“ hat (wir sprachen deshalb bereits im September von Paul Achleitners Coup bei der Nachfolgeplanung) 

So ermöglicht Achleitner seinem Nachfolger einen unbelasteten Start – und erhöht damit zugleich die Chance, dass seine Ägide rückblickend milder beurteilt wird. 

Schwache erste, starke zweite Halbzeit 

Keine Frage: Durch falsche Personalentscheidungen trägt er wesentliche Verantwortung für den zögerlichen Struktur- und Kulturwandel in Frankfurt. Doch in den letzten drei bis vier Jahren hat sich Einiges bewegt, und Christian Sewing scheint eine gute Wahl gewesen zu sein.  

Zudem hat Achleitner nach und nach frische Leute und Ideen in seinen Aufsichtsrat geholt, wofür wir ihn erstmals 2017 gelobt haben. Man könnte also sagen: Nach einer schwachen ersten Halbzeit hat Achleitner im Verlauf der zweiten Hälfte aufgedreht. Damit hat er sich um die Corporate Governance in Deutschland und insbesondere die Professionalisierung der Aufsichtsräte verdient gemacht.  

Das gilt erst recht für einen zweiten Granden, der demnächst sein wichtigstes Amt niederlegt: Ulrich Lehner hört 2022 als Aufsichtsratsvorsitzender der Deutschen Telekom auf, sein Nachfolger wird in Kürze präsentiert.  

Ulrich Lehners revolutionärer Akt 

Lehner hat mehrfach mutige und wegweisende Entscheidungen gefällt. So holte er 2013 den 37-jährigen Startup-Unternehmer Lars Hinrichs in den Aufsichtsrat der Telekom – für damalige Verhältnisse ein geradezu revolutionärer Akt (zumal Hinrichs gleich kulturelle Akzente setzte).  

Zudem hat Ulrich Lehner mit seinem viel kritisierten Rücktritt bei Thyssen-Krupp ein wichtiges Signal gegen Investoren gesetzt, die aggressiv eigene Interessen durchsetzen wollen. Auf diese Weise löste er eine Debatte aus, die die Standards der Sozialen Marktwirtschaft stärker ins Bewusstsein gerückt und manchen Aktivisten zu größer Vorsicht gemahnt hat. Chapeau.  

Für ihn sei Rendite immer das gewesen, was übrig bleibt, wenn alle anderen Gruppen bedient wurden, sagte Lehner wenig später auf dem Deutschen Aufsichtsratstag. Ein gleichermaßen trockener wie treffender Seitenhieb. Man könnte sagen: ein typischer Lehner.   

Herzlichst 

Ihr Peter H. Dehnen