Corporate-Governance-Reform – Vorschlag für die Ampel

Liebe Leser*innen der GermanBoardNews,

das Thema Unternehmensführung spielt im Koalitionsvertrag keine nennenswerte Rolle. Vermutlich haben SPD, Grüne und FDP nach Inkrafttreten des Gesetzes zur Stärkung der Finanzmarktintegrität (FISG) keinen akuten Handlungsbedarf gesehen.

Ich halte das – und das wird sie nicht überraschen – für einen Fehler. Das FISG dürfte zwar dazu beitragen, dass Skandale à la Wirecard unwahrscheinlicher werden. Aber zentrale Herausforderungen mit Blick auf die Zukunft von Wirtschaftsstandort und Kapitalmarkt bleiben ungelöst.

Dazu gehört das Thema Künstliche Intelligenz (KI), wie unsere aktuelle Analyse unterstreicht. Und dazu gehört der Einfluss aggressiver Investoren: Bisweilen gibt es in börsennotierten Unternehmen mit hohem Streubesitz niemanden mehr, der wie ein Eigentümer denkt. Die Aktionäre nicht, weil sie im Zweifel Gewinne mitnehmen und/oder auf ein anderes Pferd setzen. Und die Vorstände nicht, weil sie nach ein paar Jahren ausgesorgt haben.

Personal-Governance-Kodex & hippokratischer Eid

Solche Konstellationen sind brandgefährlich, gerade in Transformationszeiten, in denen teure langfristige Investitionen anstehen. Unabhängige, kompetente Aufsichtsräte, die unternehmerisch denken und ein Berufsethos mitbringen, sind deshalb wichtiger denn je.

Aus diesem Grund sollten wir Aufsichtsräte verpflichten, sich zu zentralen Personal-Governance-Prinzipien zu bekennen („hippokratischer Eid“). Und wir sollten ein hohes Maß an Unabhängigkeit zur Bedingung für ein Listing an der Börse machen.

Klar: An Vorgaben für Entscheider herrscht kein Mangel, und viele empfinden die Vielzahl von Regularien und nachdrücklichen Empfehlungen längst als bevormundend. Deshalb gilt es, den Personal-Governance-Kodex zusammen mit Aufsichtsräten zu entwickeln – und nicht gegen sie. Das würde für Akzeptanz sorgen und manche kleinteilige Vorschrift an anderer Stelle überflüssig machen.

Die Bahn braucht professionelle Aufsichtsräte

Meine Hoffnungen ruhen in diesem Zusammenhang auf der FDP, die mit Marco Buschmann den Justizminister stellt. Denn sie hat sich in den letzten Jahren immer wieder für kompetente, unabhängige Aufsichtsräte stark gemacht (etwa Christian Lindner bei VW).

Ich bin deshalb optimistisch, dass das Thema in dieser Legislaturperiode doch noch auf die Agenda kommt – zumal ein konkreter Fall bereits ein Schlaglicht auf die Problematik wirft: Wie man hört, würde FDP-Verkehrsminister Volker Wissing den Aufsichtsrat der Bahn gerne neu besetzen (wir fordern schon lange, endlich mehr Profis zu engagieren).

Die Bahn zeigt eindrucksvoll, dass Probleme oft ganz oben beginnen. Wer den Wirtschaftsstandort und den Kapitalmarkt stärken will, sollte sich deshalb den Aufsichtsräten widmen – und auf kluge Impulse statt auf kleinteilige Regulierung setzen.

Herzlichst

Ihr Peter H. Dehnen (Herausgeber)