ThyssenKrupp: Heinrich Hiesinger & das Ende des rheinischen Kapitalismus

Heinrich Hiesinger

Nach dem Rückzug von Vorstandschef Heinrich Hiesinger verliert ThyssenKrupp auch einen Aufsichtsrat: Wie das Handelsblatt berichtet, hat René Obermann seinen Abschied angekündigt. Der ehemalige Telekom-Chef hatte dem Bericht zufolge gegen die Stahlfusion mit dem indischen Tata-Konzern gestimmt – gemeinsam mit Jens Tischendorf vom aktivistischen Großaktionär Cevian. Auch darüber hinaus war der Aufsichtsrat zerissener, als es lange den Eindruck machte: HSBC-Deutschland-Chefin Carola Gräfin von Schmettow enthielt sich der Stimme, und die Vorsitzende der Krupp-Stiftung, Ursula Gather, legte sich laut Handelsblatt erst spät fest.

Die fatale Verschwiegenheit der Krupp-Stiftung

Experten machen die Mathematik-Professorin deshalb verantwortlich für Hiesingers Entscheidung. Der CEO habe wohl erkannt, „dass die entscheidende Unterstützung der Stiftung für seinen Zukunftsweg nicht ausreichen würde“, meint Corporate-Governance-Experte Christian Strenger. Schon im Vorfeld hatte sich Gather bedeckt gehalten, während Investoren wie Cevian und Elliott Hiesinger immer schärfer kritisierten. Wir meinen: Die kommunikative Zurückhaltung des größten Aktionärs mag im Einklang mit den Traditionen in der Villa Hügel stehen. Aber wenn moderne, hochprofessionelle Finanzinvestoren attackieren, helfen Prinzipien aus alten Zeiten nicht weiter – und sind sogar kontraproduktiv.

Veränderungen mit den Mitarbeitern – und nicht gegen sie

Klare Worte der Stiftung wären deshalb wichtig gewesen. Nun ist Aufsichtsratschef Ulrich Lehner sozusagen die letzte Verteidigungslinie gegen einen Sieg der kurzfristigen Shareholder-Value-Philosophie à la Cevian gegen zentrale Prinzipien des „rheinischen Kapitalismus“, den der schwäbische Bauernsohn Heinrich Hiesinger wie kein Zweiter repräsentierte. Sein Credo lautete: „Wir verändern das Unternehmen mit den Mitarbeitern – und nicht gegen sie.“ Nach seinem Abgang ist offen, ob es dabei bleibt – oder ob Stiftungsvorsitzende Gather ausgerechnet durch ihre Prinzipientreue das Ende des Konzerns mit seiner bisherigen Unternehmenskultur eingeläutet hat (siehe dazu auch diesen Kommentar im WDR).