Olaf Berlien & Mathias Döpfner: Vertreibung aus dem Paradies

Börse

Immer mehr Unternehmen fliehen von der Börse. Laut Handelsblatt ist die Zahl regulär gelisteter Gesellschaften in den letzten zehn Jahren von 761 auf 464 gesunken. Und der Trend beschleunigt sich; jüngst kündigten Axel Springer und Osram einen Rückzug an – mit ähnlichen Argumenten: Die Vorstandschefs Olaf Berlien und Mathias Döpfner bräuchten Zeit für die digitale Transformation und könnten keine Aktionäre gebrauchen, die bei schlechten Quartalszahlen auf die Barrikaden gehen, hieß es. Das führt zu einer zentralen Frage: Erschwert eine Börsennotierung langfristige Strategien?

„Wozu eine Börse, wenn sie in kritischen Zeiten versagt?“

Es sollte uns jedenfalls zu denken geben, dass Firmen gerade in Transformationsphasen, in denen sie Kapital brauchen, ihr Heil woanders suchen. Dieter Fockenbrock (Handelsblatt) hat in diesem Zusammenhang zu Recht die Frage aufgeworfen, wozu es eine Börse braucht, wenn sie „in kritischen Zeiten versagt“. Für uns ist klar: Damit sie ihrem Auftrag wieder gerecht werden kann, müssen wir den Einfluss der Investoren zurückdrängen. Wer jederzeit aussteigen kann, ist eben kein klassischer Eigentümer. Leider droht das Pendel aber in die andere Richtung zu schlagen.

Aktionäre drängen auf kürzere Amtszeiten für Aufsichtsräte

Denn nachdem sie im ersten Anlauf gescheitert sind, drängen Investoren hinter den Kulissen vehement auf kürzere Amtszeiten für Aufsichtsräte. Dann könnten sie unliebsame Kontrolleure einfacher loswerden. Wir erinnern deshalb daran: Aufsichtsräte sind dem Wohl des Unternehmens verpflichtet, während institutionelle Investoren eigene (Rendite)-Interessen verfolgen – egal, wie sehr sie sich als Governance-Hüter gerieren. Wer Aktiengesellschaften den Spekulanten entreißen und die Börse attraktiver machen will, sollte deshalb Aufsichtsräte stärken. Sonst steht uns ein Shareholder-Value-Regime bevor – diesmal unter dem Deckmantel von „Good Governance“.