Das Kaeser-Dilemma: Trump kritisieren und zu China schweigen?

Joe Kaeser

Fangen wir ganz grundsätzlich an, und zwar mit dem Wandel moralischer Maßstäbe. Ob Doping, Korruption oder ein Nummernkonto in der Schweiz: Vieles, was früher allenfalls als Kavaliersdelikt galt, ist heute verpönt. Wir urteilen strenger und haben höhere Erwartungen, auch und gerade an Top-Manager. Deshalb ist Compliance und Haltung wichtiger denn je. Wir haben Joe Kaeser deshalb dafür gelobt, dass er klare Worte zu politischen und gesellschaftlichen Themen findet, etwa Richtung Donald Trump und AfD. Der Siemens-Chef, so schien es, führt auf Basis eines stabilen Wertefundaments. Umso mehr fiel jüngst seine halbherzige Rhetorik in Sachen China auf.

Kotau statt Klartext? Warum Aufsichtsräte politischer werden müssen

Statt für eine offene Gesellschaft plädierte Kaeser dafür, „moralische Werte und Interessenslagen“ abzuwägen. „Gute Geschäfte in allen Ehren“, erwiderte FDP-Chef Christian-Lindner. „Aber wirtschaftliche und gesellschaftliche Freiheit dürfen nicht voneinander getrennt werden.“ Wir stimmen Lindner von Herzen zu, erinnern aber daran, dass Kaeser in einem Dilemma steckt. Denn von Siemens-Geschäften in China hängen Arbeitsplätze und Zukunftschancen ab. Ein gewisses Maß an Diplomatie ist deshalb nachvollziehbar. Allerdings ist es für ein Unternehmen verheerend, wenn der Vorstandschef als Opportunist dasteht. Kaeser braucht deshalb jetzt eine klare Kommunikationsstrategie, und der Aufsichtsrat muss sie einfordern. Das zeigt im Übrigen: Auch Aufsichtsräte müssen politischer werden, um, wie es die Politologin Christina Arndt hier formuliert hat, zu „antizipieren, was die Gesellschaft unter verantwortlichem Handeln versteht“.