Commerzbank & Cerberus: Das Ende des rheinischen Kapitalismus (II)

Cerberus
Seit der Corona-Krise reden alle von gesellschaftlicher Verantwortung. Doch in der Praxis sieht es anders aus: Shareholder-Value-Apologeten haben in Gestalt von Cerberus den nächsten großen Sieg errungen.

„Wir arbeiten nicht mit Aktivisten zusammen“, betonte Ingo Speich von der Deka jüngst in einem Handelsblatt-Interview. Die Interessenlagen seien „zu unterschiedlich“, gerade bei Umwelt- und Sozialthemen. Denn diese Hebel wirkten „eher langfristig“, so Speich – und seien deshalb nicht das „Ding“ aktivistischer Aktionäre.

Leider grenzen sich nur wenige Investoren derart klar von den aggressiven Vertretern ihrer Zunft ab. Immer wieder erliegen Einzelne der Versuchung, kurzfristige Gewinne gegen langfristige Chancen einzutauschen. So kommt es regelmäßig zu unheilvollen Allianzen – zum Beispiel bei ThyssenKrupp, wo die Aktivisten von Cevian Capital zeitweise sogar die Krupp-Stiftung an ihrer Seite wussten.

Das führte dazu, dass Vorstandschef Heinrich Hiesinger und Chefkontrolleur Ulrich Lehner hinwarfen. „Das Ende des rheinischen Kapitalismus“, titelten wir vor genau zwei Jahren. Denn die Abgänge waren zugleich eine Niederlage für eine Corporate-Governance-Kultur, die auf dem Leitbild der Sozialen Marktwirtschaft fußt (und neudeutsch gern als Stakeholder-Value-Prinzip bezeichnet wird).

Gebt Entscheidern mehr Zeit für den Umbau!

Jetzt haben bei einem weiteren Traditionskonzern Vorstands- und Aufsichtsratschef den Rückzug angekündigt – wieder auf Druck eines aggressiven Aktionärs, der wie ein Aktivist auftrat: Finanzinvestor Cerberus kritisierte die Führungsriege der Commerzbank harsch und öffentlich. CEO Martin Zielke senke die Kosten nicht entschlossen genug, die Profitabilität müsse dringend steigen.

Trotz der maßlosen Forderung nach zwei Aufsichtsratsmandaten und erheblicher Interessenkonflikte (Cerberus ist Anteilseigner und zugleich Berater von Banken) fanden die Amerikaner offenbar zahlreiche Unterstützer unter den Aktionären. Selbst Politiker stimmten in den Chor der Kritiker ein.

Sicher, die Commerzbank hat in den letzten 15 Monaten keine messbaren Fortschritte und einige Fehler gemacht. Und ob Zielke und Schmittmann voreilig „Fahnenflucht“ begingen, wie ein geschätzter Kommentator meint, möchten wir noch nicht abschließend beurteilen.

Klar ist für uns dagegen: In Zeiten von Niedrigzinsen, Corona und digitaler Transformation brauchen Banken Zeit für den Umbau – und keine nervösen, von Eigeninteressen getriebenen Aktionäre, in Quartalen denken. Wir sind jedenfalls gespannt, ob der Knall in Frankfurt ein Befreiungsschlag war. Oder, wie bei ThyssenKrupp, der Beginn der nächsten Krisen.

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