Digitale Ethik und Verantwortung wird künftig für Unternehmen so selbstverständlich sein wie ökologische Nachhaltigkeit, Klimaschutz und faire Arbeitsbedingungen.

Ulrich Leitermann

Ulrich Leitermann
Vorsitzender der Vorstände der SIGNAL IDUNA Gruppe

Wir haben mit Herrn Leitermann über #FutureGoodGovernance gesprochen.
Das Interview wurde vor dem Ausbruch der Corona Pandemie geführt.

*Foto: SIGNAL IDUNA/Andreas Oertzen


 

Ein Schiff braucht einen Kapitän. Es wird viel über neue Führungskonzepte gesprochen, von Partizipation und Freiraum. Wie viel Führung braucht ein Unternehmen zukünftig noch und wie viel Agilität verträgt es? Wie stellen Sie sich Unternehmensführung in der Zukunft vor?

Um ein Unternehmen in Zukunft erfolgreich zu führen, braucht es beides: Klare Führung aber auch Freiräume. Die autoritär-hierarchischen Führungssysteme der Vergangenheit haben ausgedient. Die Geschwindigkeit der Veränderung ist heute so groß, dass Organisationen schnell, agil und flexibel agieren müssen. Langwierige hierarchische Abstimmungen sind dafür zu starr und zu langsam. Stattdessen müssen Lösungen auf der Arbeitsebene gefunden und sofort umgesetzt werden. Konkret heißt das: Künftig werden Mitarbeiter vermehrt in agilen, crossfunktional zusammengesetzten Teams zusammenarbeiten. Zugleich erhalten sie deutlich mehr Freiräume, um – bei gleichzeitig klaren Zielvorgaben – eigenständig Entscheidungen zu treffen und Lösungswege zu finden. Trotzdem brauchen Unternehmen, um erfolgreich zu sein, auch in Zukunft Führung. Am Ende muss das Unternehmen eine klare Strategie unter der Führung des Vorstands oder der Geschäftsleitung entwickeln, die auch die großen Linien vorgeben und die wesentlichen Richtungsentscheidungen treffen.


 

Die Gretas der Welt haben den Blick auch auf Unternehmen und deren Handlungsfelder gelenkt. Welche Herausforderungen erwarten Sie zur gesellschaftliche Verantwortung und damit Nachhaltigkeit im Unternehmen?

Zuerst einmal halte ich es für gut und unterstützenswert, wenn die Jugend sich politisch engagiert und ein so wichtiges Thema wie den Klimaschutz in den Mittelpunkt stellt. Auch wenn sich sicher nicht jeder idealistische Vorschlag der jungen Demonstrierenden umsetzen lassen wird, zeigt sich doch klar – auch an der Reaktion der Politik – dass der Klimaschutz künftig eine deutlich größere Rolle auch bei unternehmerischen Entscheidungen spielen wird, als das heute der Fall ist. Gleichzeitig wird die gesellschaftliche Verantwortung und Nachhaltigkeit von Unternehmen weiter an Bedeutung zunehmen – und das auf allen Feldern. Ein wichtiges Feld ist der Trend zu CDR – Corporate Digital Responsibility. Dabei geht es darum, dass Unternehmen sich klare Regeln für eine verantwortliche Digitalisierung geben – vom fairen und transparenten Umgang mit Kundendaten bis zu Regelungen für den ethischen Einsatz von künstlicher Intelligenz. Digitale Ethik und Verantwortung wird künftig für Unternehmen so selbstverständlich sein wie ökologische Nachhaltigkeit, Klimaschutz und faire Arbeitsbedingungen. Zum Thema Nachhaltigkeit gehört aber auch die Generationengerechtigkeit bei den sozialen Systemen wie zum Beispiel der Rentenversicherung. Hier muss auch die Politik ihrer Verantwortung gerecht werden.


 

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Heute geht es noch in erster Linie um Zahlen und Compliance. Künstliche Intelligenz verändert allerdings auch hier Perspektive und Denken. Wie können Sie sich ein zukünftiges System zur Überwachung des Vorstandes vorstellen? Wacht demnächst noch ein Aufsichtsrat über die Geschäftsführung oder wird demnächst die ‚Überwachung‘ durch einen technisch hochgerüsteten externen Dienstleister ersetzt?

Ich glaube nicht, dass Algorithmen oder künstliche Intelligenz jemals einen menschlichen Aufsichtsrat ersetzen werden können. Dafür ist die Aufgabe eines Aufsichtsrats zu komplex und zu „menschlich“. Denn neben harten Fakten und Zahlen spielen bei der Beurteilung eines Vorstands „weiche“ Faktoren wie Integrität, Moral und Ethik eine mindestens ebenso große Rolle. Es mag sein, dass technische Systeme künftig den Aufsichtsrat bei seiner Arbeit unterstützen werden. Am Ende werden es jedoch immer Menschen sein, die über die Geschicke eines Unternehmens und der Mitarbeiter entscheiden – und das ist auch gut so.


 

Unternehmen sind einem ständigen Veränderungsprozess unterworfen. Welche Herausforderungen erwarten Sie für Ihr Unternehmen in den nächsten 10 Jahren? Wie werden diese Ihr Unternehmen verändern? Was wird sich für Beschäftigung und Qualifikation der Mitarbeitenden ändern?

Die Versicherungsbranche ist im Umbruch. Mit der Digitalisierung hat sich die Geschwindigkeit der Veränderung deutlich erhöht. Gleichzeitig wandeln sich die Wünsche und Anforderungen der Kunden. Das beginnt bei der Kommunikation und beim Service: Kunden erwarten heute einen nahtlosen, kanalübergreifenden Service, der im Idealfall in Echtzeit eine Lösung bereitstellt. Gleichzeitig müssen die Produkte individueller werden: Ein Kunde will heute nicht irgendeine Police abschließen, sondern eine Lösung für sein spezifisches Problem. Als SIGNAL IDUNA haben wir uns frühzeitig auf diese Veränderungen eingestellt. Bereits 2014 haben wir mit einem Zukunftsprogramm unsere Prozesse und die IT modernisiert und den Außendienst neu aufgestellt. 2018 haben wir das Transformationsprogramm VISION2023 gestartet mit dem Ziel, agiler und digitaler zu werden. Ein Teil unserer Mitarbeiter arbeitet heute schon nach agilen Arbeitsweisen und in crossfunktionalen Teams. Ein wichtiges Ziel neben Service-Exzellenz ist dabei die Zielgruppen-Fokussierung. Künftig werden wir uns noch stärker als bisher auf unsere Zielgruppen in Handwerk, Handel und im öffentlichen Dienst konzentrieren und dort die Chancen der Digitalisierung konsequent nutzen. Dazu verändern wir auch unsere Unternehmenskultur. Für die Mitarbeiter sind dies große Veränderungen. Viele müssen Neues lernen und bisherige Routinen aufbrechen, wofür wir ein breites Qualifizierungsangebot bereitstellen. In der Mehrheit unterstützen die Mitarbeiter die Veränderung, und das mit großer Begeisterung. Denn sie sehen auch die Chance, dass ihre Arbeit selbstbestimmter und erfüllender wird. Wir erleben im Moment eine positive Aufbruchsstimmung.


 

Es wird viel über Zentralität vs. Dezentralität, Agilität und Kernkompetenz in Organisationen debattiert. Gibt es in 20 Jahren überhaupt noch Unternehmen im heutigen Sinne? Welche Veränderungen in Bezug auf Unternehmensorganisation und -finanzierung erwarten Sie bzw. würden Sie sich wünschen?

Auch wenn wir in der Organisation von Unternehmen und von Arbeit weiter große Veränderungen sehen werden, bin ich sicher, dass es auch in zwei Jahrzehnten noch Unternehmen im heutigen Sinne geben wird. Das Handwerk hat sich über Jahrhunderte immer wieder der Zeit angepasst. Diese Betriebe werden auch in Zukunft erfolgreich sein, weil sie nah an ihren Kunden und äußerst flexibel sind. Auch bei der Zukunft von Aktienunternehmen, die vom Grundsatz ein sehr demokratisches Mittel der Unternehmensbeteiligung sein können, bin ich optimistisch. Als Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit stellt die SIGNAL IDUNA wie andere Versicherungsunternehmen eine Sonderform dar. Wir wurden vor mehr als hundertzehn Jahren von Handwerkern gegründet und gehören bis heute unseren Kunden als Mitgliedern. Ich bin sicher, dass wir diese Aufgabe auch in Zukunft erfüllen werden. Wichtiger denn je wird es für Unternehmen und Mitarbeiter sein, sich darauf einzustellen, dass Veränderung die Normalität sein wird – bei gleichzeitig sich verkürzenden Veränderungszyklen.


 

Unternehmenslenkern wird heute von verschiedenen Seiten die Frage nach dem Unternehmenszweck oder nach dem spezifischen Auftrag des Unternehmens gestellt. Wie werden Sie diesem Anspruch gerecht? Welche positiven bzw. kritischen Lehren haben Sie daraus gezogen? Welchen Rat geben Sie einem Vorstandsvorsitzenden einer anderen Branche, wie er sich diesem Thema am besten nähert.

Unternehmen brauchen heute einen Unternehmenszweck, der über die reine Gewinnmaximierung hinausgeht. Mitarbeiter wünschen sich ein Ziel, das ihrer Arbeit einen übergeordneten Sinn gibt. Kunden – in unserem Falle auch Mitglieder – können sich sehr viel leichter mit einem Unternehmen und dessen Produkten identifizieren, wenn sie die Ziele des Unternehmens kennen und teilen. Bei SIGNAL IDUNA heißt unsere Vision „Gemeinsam mehr Lebensqualität schaffen!“. Studien haben gezeigt, dass Kunden sich von einer Versicherung vor allem Lebensqualität wünschen. Das kann Lebensqualität in Form von Sicherheit und Ruhe sein, weil man über die Produkte gegen die Gefahren des Lebens abgesichert ist. Oder es kann in Form von Zeit sein, weil man beispielsweise beim Service nicht lange in Warteschlangen hängt, sondern Probleme sofort gelöst werden. „Gemeinsam mehr Lebensqualität schaffen!“ ist unser Versprechen an unsere Kunden, an dem wir uns messen lassen.


 

#FutureGoodGovernance ist derzeit noch in vielen Bereichen einer Glaskugel vergleichbar. Welche zukünftigen Aspekte der Good Governance liegen Ihnen besonders am Herzen? Was würden Sie sich wünschen, wenn Sie drei Wünsche frei hätten? Wo sehen Sie die Politik gefordert? Und welche Verantwortung haben zukünftig Unternehmen und deren Führungskräfte?

Es zeigt sich immer mehr, dass das Mantra des Stakeholder-Value, dem eine ganze Managergeneration hinterhergelaufen ist, in der bisherigen Einseitigkeit ein Irrweg ist. Nicht umsonst distanzieren sich immer mehr große internationale Konzerne von diesem Konzept. Gutes Unternehmertum war schon immer mehr als reine Gewinnmaximierung: Ein Unternehmen ist immer auch seinen Mitarbeitern, den Kunden und der Gesellschaft gegenüber verantwortlich. Schauen Sie auf die alten Kaufmannstugenden – schon im Mittelalter hatte die Ehrbarkeit des Kaufmanns und tugendhafte Charaktereigenschaften einen hohen Stellenwert. Aus den gleichen Ansätzen entwickelte sich später der rheinische Kapitalismus und die soziale Marktwirtschaft. Wenn man also über die Zukunft von Good Governance und neue ethische Herausforderungen für Unternehmen durch Themen wie künstliche Intelligenz und Robotik nachdenkt, lohnt sich ein Blick zurück: Wenn wir uns auf die Grundsätze guter und verantwortlicher Unternehmensführung besinnen, finden wir auch Lösungen für die Herausforderungen von morgen. Als Manager moralisch und ethisch verantwortlich zu handeln, ist alles andere als altmodisch, sondern heute schon fast wieder Avantgarde. Zusammengefasst: Ich würde mir mehr Anstand wünschen. Sich darauf zu besinnen, was man einfach nicht tut, auch wenn es nicht verboten ist. Auf die Politik bezogen heißt das: Ich wünsche mir mehr Anstand im Umgang mit dem politischen Gegner und in der politischen Debatte. Nicht alles, was einem politisch nützt, ist anständig. Sonst droht die Politik ihre Vorbildfunktion zu verlieren – teilweise hat sie das schon.

Vielen Dank für das Interview!