Führungskräfte müssen die Voraussetzungen dafür schaffen, dass Kreativität und innovative Ansätze gefördert werden.

Markus Reinert FRICS
Vorstandsvorsitzender der IC Immobilien Holding AG 

 

Wir haben mit Herrn Reinert über #FutureGoodGovernance gesprochen.

Das Interview wurde vor dem Ausbruch der Corona Pandemie geführt.

 

 

 

 

 


 

Ein Schiff braucht einen Kapitän. Es wird viel über neue Führungskonzepte gesprochen, von Partizipation und Freiraum. Wie viel Führung braucht ein Unternehmen zukünftig noch und wie viel Agilität verträgt es? Wie stellen Sie sich Unternehmensführung in der Zukunft vor?

Auch in Zukunft sind Unternehmen auf eine starke Führungsebene angewiesen. Stark bedeutet in diesem Fall allerdings nicht, eine Top-Down-Mentalität durchzusetzen, sondern einerseits klare Führungsrichtlinien zu erarbeiten, an die sich die Führungskräfte anschließend auch halten, und andererseits schlanke, aber effiziente Strukturen zu etablieren. Ist dies gegeben, wird ein produktives und nicht zuletzt auch angenehmes Arbeitsumfeld möglich, das die Mitarbeiter dazu ermutigt, eigene Ideen einzubringen und sich auch generationenübergreifend auszutauschen. Mit anderen Worten: Führungskräfte müssen die Voraussetzungen dafür schaffen, dass Kreativität und innovative Ansätze gefördert werden.


 

Die Gretas der Welt haben den Blick auch auf Unternehmen und deren Handlungsfelder gelenkt. Welche Herausforderungen erwarten Sie zur gesellschaftliche Verantwortung und damit Nachhaltigkeit im Unternehmen?

Besonders die Generationen Y und Z, die in den kommenden Jahren einen erheblichen Teil des deutschen Arbeitsmarktes ausmachen werden, legen mehr und mehr Wert darauf, gesellschaftlich sinnvolle Tätigkeiten im Rahmen ihres Berufs auszuüben. Sinnvoll bedeutet in diesem Zusammenhang auch: ökologisch vertretbar. Daher entwickeln zahlreiche Unternehmen ihre Nachhaltigkeitsstrategien konsequent weiter, sowohl aus einer moralischen als auch aus einer unternehmerischen Denkweise heraus. Für mich als Vertreter der Immobilienbranche ergibt sich zusätzlich die Herausforderung, dass wir diesen Unternehmen auch die geeigneten, ökologisch vertretbaren Gebäude und Flächen für eine nachhaltige Handlungsweise zur Verfügung stellen können. Denn Innovation wird nicht nur durch effiziente Strukturen, sondern auch durch ein angenehmes Arbeitsumfeld begünstigt.


 

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Heute geht es noch in erster Linie um Zahlen und Compliance. Künstliche Intelligenz verändert allerdings auch hier Perspektive und Denken. Wie können Sie sich ein zukünftiges System zur Überwachung des Vorstandes vorstellen? Wacht demnächst noch ein Aufsichtsrat über die Geschäftsführung oder wird demnächst die ‚Überwachung‘ durch einen technisch hochgerüsteten externen Dienstleister ersetzt?

In meiner täglichen Arbeit erkenne ich immer wieder, wie neue Digitallösungen unseren Arbeitsalltag in Form effizienterer Prozesse erleichtern können. Allerdings stoße ich auch immer wieder an die Grenzen dessen, was Digitalisierung heute leisten kann. Dazu ein Beispiel aus der Immobilienbranche: Aktuelle Digitallösungen zur automatischen Erfassung von Mietverträgen haben eine Fehlerquote von nur wenigen Prozent. Doch selbst, wenn diese nur bei einem Prozent läge, wäre eben einer von 100 erfassten Mietverträgen falsch – und wir müssten händisch alle 100 Verträge nach diesem Fehler durchsuchen. Dasselbe Prinzip trifft auch auf die Überwachung des Vorstandes zu, wobei hier nochmals deutlich mehr Details analysiert werden müssen. Ich kann mir also kein Szenario vorstellen, bei dem der Aufsichtsrat durch ein Softwareprogramm ersetzt wird. Ob die Aufsichtsräte mehr digitale Hilfestellungen in Anspruch nehmen werden, ist jedoch eine ganz andere Frage.


 

Unternehmen sind einem ständigen Veränderungsprozess unterworfen. Welche Herausforderungen erwarten Sie für Ihr Unternehmen in den nächsten 10 Jahren? Wie werden diese Ihr Unternehmen verändern? Was wird sich für Beschäftigung und Qualifikation der Mitarbeitenden ändern?

In der Immobilienbranche befinden wir uns inzwischen im zehnten Jahr eines anhaltenden Aufschwungs. Der Nachfrageüberhang nach Flächen ist größer denn je und die Kaufpreise haben mittlerweile nie vorstellbare Höhen erreicht. Aktuell werden weitere Wachstumspotenziale der Branche nicht etwa durch eine Eintrübung der Konjunktur, sondern maßgeblich durch den Fachkräftemangel eingebremst. Vor diesem Hintergrund gibt es drei große Herausforderungen.
Erstens: Neue und flexible Immobilienstrategien entwickeln, die trotz hoher Ankaufspreise und niedrigen Anfangsrenditen eine gute Performance ermöglichen.
Zweitens: Die Nachwuchskräfte aus den jüngeren Generationen zu finden und langfristig zu binden, die diese Konzepte zukünftig entwickeln.
Und schließlich drittens: Das eigene Unternehmen so aufzustellen, dass es auch ein mögliches Abschwungsszenario verkraften kann – denn auch ein langer Aufschwung im Zyklus hält nicht ewig an.


 

Es wird viel über Zentralität vs. Dezentralität, Agilität und Kernkompetenz in Organisationen debattiert. Gibt es in 20 Jahren überhaupt noch Unternehmen im heutigen Sinne? Welche Veränderungen in Bezug auf Unternehmensorganisation und -finanzierung erwarten Sie bzw. würden Sie sich wünschen?

Ich denke schon. Wir erleben ja aktuell unter anderem, wie Unternehmen mehr und mehr Kultur- und Freizeitangebote für ihre Mitarbeiter entwickeln. In den USA gipfelt das in gigantischen Bauprojekten wie dem Google Campus mit Tennisplätzen und weiteren Angeboten. Hinzu kommen Firmenläufe, Charity-Aktionen und sonstige Teamevents. Das alles zeigt, dass sich Unternehmen „jenseits der Bürofläche“ neu erfinden. Dafür benötigt es dann auch flexiblere Unternehmensstrukturen und eine glaubhafte Unternehmenskultur, sodass diese Angebote auch authentisch wirken. Für Finanzierer oder Aktionäre wiederum sind diese Aspekte ein wichtiges Indiz für den langfristigen Unternehmenserfolg.


 

Automobilhersteller werden zu Mobilitätsdienstleistern, Nahrungsmittelhersteller werden zu Lifestyle-Anbietern, Medienhäuser zu Data-Science-Unternehmen. Wohin wird sich Ihre Branche entwickeln? Gibt es Branchen – so wie wir sie heute kennen – in zehn Jahren überhaupt noch? Was kommt dann?

Ich glaube nicht, dass sich an der Vermietung, Vermarktung und Bewirtschaftung von Immobilien etwas Grundsätzliches ändern wird. Vielmehr erwarte ich, dass branchenweit unsere Arbeitsweise und unsere Prozesse effizienter – und in einigen Bereichen sicherlich auch digitaler – werden. An einer Stelle jedoch ist ein Umdenken nötig: Je komplexer die Flächenanforderungen der Nutzer werden, und je schneller sie sich infolge des rasanten Fortschritts ändern, desto stärker müssen wir verinnerlichen, dass nicht die Fläche, sondern der Nutzer das eigentliche Asset ist. Das heißt, dass wir neue Mittel und Wege finden müssen, die Mieter individuell und persönlich zu betreuen. Daher begleite ich auch einige Entwicklungen kritisch, die beispielsweise das Mietermanagement per Chatbot als Zukunftslösung suggerieren.


 

Unternehmenslenkern wird heute von verschiedenen Seiten die Frage nach dem Unternehmenszweck oder nach dem spezifischen Auftrag des Unternehmens gestellt. Wie werden Sie diesem Anspruch gerecht? Welche positiven bzw. kritischen Lehren haben Sie daraus gezogen? Welchen Rat geben Sie einem Vorstandsvorsitzenden einer anderen Branche, wie er sich diesem Thema am besten nähert.

Unser Unternehmensauftrag besteht natürlich einerseits ganz klar darin, das Immobilienvermögen unserer Auftraggeber zu vermehren. Andererseits sehe ich aber auch eine gesamtwirtschaftliche beziehungsweise gesellschaftliche Aufgabe für uns als IC Immobilien Gruppe: Wir müssen unseren Mietern diejenigen Flächen bereitstellen, die sie für ein gesundes Unternehmenswachstum benötigen, die ein innovatives Zusammenarbeiten fördern und auf denen sich letztlich auch die Arbeitnehmer wohlfühlen. Mit anderen Worten: Die Mietflächen müssen genau diejenige Arbeitsweise ermöglichen, die ich eingangs im Hinblick auf die Unternehmenskultur angesprochen habe.


 

Die sogenannten Stakeholder, insbesondere die (institutionellen) Aktionäre nehmen ihre Eigentümerrechte und -pflichten viel stärker wahr als noch vor wenigen Jahren. Es reicht deshalb schon lange nicht mehr, die Vorgaben eines Kodex abzuhaken („comply-or-explain“). International ist die intensive und permanente Kommunikation/Interaktion der Stakeholder mit der Unternehmensführung auf dem Vormarsch („apply-and-explain“). Welche Trends sehen Sie hier und wie bewerten Sie diese?

Ich erachte einen regelmäßigen Austausch mit den Stakeholdern für sehr wichtig, unter anderem, da sich auch die Immobilienbranche schneller als je zuvor wandelt. Wir müssen uns also immer schneller anpassen – sowohl in vielen Einzelfällen auf Objektebene beim jeweiligen Immobilienkonzept als auch auf Unternehmensebene, um die passenden Strukturen dafür zu schaffen. Dabei setzen wir auf ein hohes Maß an Transparenz.

Vielen Dank für das Interview!