Genau hieraus speist sich auch mein persönlicher Rat an Führungskräfte: Seien Sie beharrlich und haben Sie den Mut, Projekte nachhaltig zu verfolgen, wenn Sie davon überzeugt sind.

Marcus Haas

Markus Haas
Vorstandsvorsitzender bei Telefónica Deutschland

Wir haben mit Markus Haas über #FutureGoodGovernance gesprochen.


Ein Schiff braucht einen Kapitän. Es wird viel über neue Führungskonzepte gesprochen, von Partizipation und Freiraum. Wie viel Führung braucht ein Unternehmen zukünftig noch und wie viel Agilität verträgt es? Wie stellen Sie sich Unternehmensführung in der Zukunft vor?

Hohe Eigenverantwortung und agile Arbeitsweisen werden hier ganz klar im Zentrum stehen. Wir werden künftig noch weitaus mehr eigenverantwortliches Zusammenarbeiten benötigen, um ein Ziel – in unserem Falle die maximale Kundenzufriedenheit – zu erreichen. Genau diese Art einer ergebnisorientierten Führung erleben wir ja notwendigerweise durch die Corona-Pandemie. Wenn das Gros der Belegschaft nicht mehr im Büro zusammentrifft und dort Arbeit organisiert wird, braucht es eine neue Art der Führung und der Verantwortungsverteilung in der konkreten Aufgabenbearbeitung. Um genau das zu entwickeln, helfen eine starke gemeinsam erarbeitete Unternehmenskultur und ein Wertekonsens aus meiner Erfahrung sehr.


Die Gretas der Welt haben den Blick auch auf Unternehmen und deren Handlungsfelder gelenkt. Welche Herausforderungen erwarten Sie zur gesellschaftliche Verantwortung und damit Nachhaltigkeit im Unternehmen?

Unsere Kunden, unsere Mitarbeiter aber auch unsere Aktionäre und Kreditgeber erwarten von uns als Unternehmen zurecht, dass wir zukunftsgerichtet an unseren Zielen arbeiten und unseren Beitrag leisten. Als Industrie sind wir verpflichtet, in diesem Feld die Extrameile zu gehen und anderen zu helfen, einen positiven Beitrag zur Klimabilanz zu leisten. Wir als Telefónica gehen hier bewusst voran und haben uns als Ziel gesetzt, spätestens 2025 klimaneutral zu arbeiten. Die Digitalisierung der Wirtschaft und des gesellschaftlichen Lebens bietet enorme Chancen im Kampf gegen den Klimawandel. Die neue Mobilfunktechnologie 5G, die nochmals bis zu 90 Prozent weniger Strom pro transportiertem Byte benötigt, wird diese Entwicklung weiter verstärken. Die digitale Inklusion ist im Kontext der Digitalisierung ein weiteres wichtiges gesellschaftliches Thema. Hier arbeiten wir seit vielen Jahren an Projekten, um alle Bevölkerungsschichten – auch abseits einer massenmarkttauglichen Preispolitik – mit der digitalen Welt vertraut zu machen.


Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Heute geht es noch in erster Linie um Zahlen und Compliance. Künstliche Intelligenz verändert allerdings auch hier Perspektive und Denken. Wie können Sie sich ein zukünftiges System zur Überwachung des Vorstandes vorstellen? Wacht demnächst noch ein Aufsichtsrat über die Geschäftsführung oder wird demnächst die ‚Überwachung‘ durch einen technisch hochgerüsteten externen Dienstleister ersetzt?

Das System der Mitbestimmung in deutschen Aufsichtsräten hat sich bewährt und ich kann mir nicht vorstellen, dass dieses System „outgesourct“ wird. Die Aktionäre entscheiden über die Besetzung des Aufsichtsrats und verbinden mit ihrer Entscheidung über die jeweilige Zusammensetzung ein hohes Maß an Vertrauen in Menschen und deren Kompetenz. Aus meiner Sicht kann kein Überwachungssystem die wichtigen Diskussionen zwischen Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertretern, die dann zu den richtigen Entscheidungen für das jeweilige Unternehmen führen, antizipieren oder ersetzen. Telefónica hat sich übrigens als eines der ersten Unternehmen hierzulande verbindliche Regeln für den Umgang mit KI gegeben und ein Hauptprinzip ist, dass der Mensch oberste Entscheidungsinstanz ist und bleibt.


Unternehmen sind einem ständigen Veränderungsprozess unterworfen. Welche Herausforderungen erwarten Sie für Ihr Unternehmen in den nächsten 10 Jahren? Wie werden diese Ihr Unternehmen verändern? Was wird sich für Beschäftigung und Qualifikation der Mitarbeitenden ändern?

Insbesondere der Mobilfunk wird im laufenden Jahrzehnt eine herausragende Rolle bei der Digitalisierung des Standortes Deutschland spielen. Die digitale Netzinfrastruktur wird mehr denn je zum Trampolin jeglicher Digitalisierungsprojekte hierzulande. Mittels 5G können Unternehmen digital höher und weiter springen. Die Produktion wird durch 5G beispielweise deutlich effizienter und schneller. Wir erschließen uns neue Mobilitätskonzepte und ermöglichen das Leben in Smart Cities mit 5G. Für den neuesten Mobilfunkstandard hat sich Telefónica Deutschland ambitionierte Ziele gesetzt. Schon 2022 wollen wir die Hälfte der Bevölkerung und 2025 ganz Deutschland mit der Technologie versorgen. So schnell ging das noch bei keinem Standard zuvor. Und das, obwohl wir in Deutschland einmal mehr mit einem substanziellen Nachteil in die Ausbau- und Investitionsphase starten. Unsere Infrastrukturinvestitionen als Industrie betragen nach der teuren 5G-Auktion faktisch minus 6,6 Milliarden Euro. Wenn dieser Betrag nicht in eine unnötige Auktion, sondern in 60.000 Mobilfunkstandorte geflossen wäre, hätte Deutschland in wenigen Jahren das schnellste und flächendeckend verfügbare 5G-Netz in Europa. Die Bundesregierung hat es über ihre Frequenzpolitik und entsprechende Regelungen im Telekommunikationsgesetz in der Hand. Eine neue Vergabepraxis für Mobilfunkfrequenzen abseits teurer Auktionen könnte zusätzliche Investitionsmittel für den Netzausbau freisetzen. Für unwirtschaftliche Versorgungslücken, die sogenannten weißen Flecken, hat die Bundesregierung nun erstmals und völlig zu Recht ein Förderprogramm aufgelegt, das laufende Betreiberinitiativen ergänzt.


Es wird viel über Zentralität vs. Dezentralität, Agilität und Kernkompetenz in Organisationen debattiert. Gibt es in 20 Jahren überhaupt noch Unternehmen im heutigen Sinne? Welche Veränderungen in Bezug auf Unternehmensorganisation und -finanzierung erwarten Sie bzw. würden Sie sich wünschen?

Grundsätzlich ist ein hohes Maß an Veränderungsbereitschaft und lebenslangem Lernen bei allen Beteiligten, bei Mitarbeitern und Betriebsräten erforderlich. Denn die Anforderungen an Jobprofile ändern sich immer schneller, um den Bedürfnissen unserer Kunden und des Marktes gerecht zu werden. Sich wie früher auf eine feste Stelle zu bewerben, deren Profil für 20 oder 30 Jahre unverändert bleibt, funktioniert schlichtweg nicht mehr. Auch hier schafft die Digitalisierung in immer engerer Taktung immer neue Arbeitsfelder und Jobprofile, die es in der Ausbildung der allermeisten Arbeitnehmer noch nicht gab. Gleichzeitig verschwinden ganze Berufsgruppen durch technische Neuerungen. Deshalb legen wir im Unternehmen seit einiger Zeit einen besonderen Fokus auf digitale Lernangebote und interne Weiterentwicklungen, um unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und damit das Unternehmen insgesamt up-to-date mit den rasanten Entwicklungen zu halten. Zudem muss sich im Übrigen auch das Arbeitsrecht ändern: Wir benötigen mehr Flexibilität – etwa, um durch Umschulungen und Weiterbildungen schneller agieren und bei Bedarf reorganisieren zu können.


Automobilhersteller werden zu Mobilitätsdienstleistern, Nahrungsmittelhersteller werden zu Lifestyle-Anbietern, Medienhäuser zu Data-Science-Unternehmen. Wohin wird sich Ihre Branche entwickeln? Gibt es Branchen – so wie wir sie heute kennen – in zehn Jahren überhaupt noch? Was kommt dann?

Wenn uns die Corona-Pandemie eins gelehrt hat, dann das: Die Telekommunikationsbranche ist systemrelevant. Wir haben für die Verbindung gesorgt, als Abstand oberstes Gebot war. Der Schub der Digitalisierung den Deutschland oder andere Volkswirtschaften erleben, war beispiellos. Schnelle Veränderungszyklen sind in der Telekommunikation allerdings seit jeher systemimmanent. Vor 25 Jahren haben wir mobile Telefonie angeboten, dann kam die mobile Datenübertragung mit dem mobilen Zugang ins Internet hinzu. Inzwischen sind Services wie TV und Videostreaming, Musik und selbst mobiles Banking für uns als Anbieter selbstverständlich. Durch die millionenfache digitale Vernetzung von allen Gegenständen und Aktivitäten unseres Alltags wird sich dieses Feld nochmal massiv erweitern – ob über das Tracking & Tracing beispielsweise von Fahrrädern oder der sekundengenauen Verfolgung eines besonderen Pakets. Die Evolution vom Telefonanbieter über den Kommunikationsdienstleister zum Digitalisierungspartner ist schon heute Realität. Wir ermöglichen diese Digitalisierung – für Privatkunden wie insbesondere auch für Unternehmen. Im B2B-Bereich rechne ich mit neuen Kooperationsformen gerade beim Thema der Campus-Netze, die die Unternehmen ja nicht nur aufbauen, sondern auch betreiben und warten müssen. Dabei werden Themen wie „Data Security“ oder cloudbasierte Lösungen und „Big Data“ immer wichtiger – alles auf Basis einer möglichst technologieoffenen Infrastruktur. Denn die unter Beweis gestellte Systemrelevanz führt auch dazu, dass der Gesetzgeber den Rahmen für die Sicherheitsanforderungen an die Branche noch enger setzen wird.  Zudem verfügt kaum eine Branche über einen so großen Datenschatz wie unsere Industrie. Täglich generieren wir allein in unserem Netzbetrieb und der Kundenverwaltung 5 Milliarden Datenpunkte. Für den Schutz dieser Daten tragen wir eine große Verantwortung. Gleichzeitig bieten sie das Potenzial für uns und viele weitere Industrien, auf der Erkenntnis dieser Daten komplett neue Geschäftsmodelle zu bauen und gesellschaftlichen Nutzen zu erzeugen.


Unternehmenslenkern wird heute von verschiedenen Seiten die Frage nach dem Unternehmenszweck oder nach dem spezifischen Auftrag des Unternehmens gestellt. Wie werden Sie diesem Anspruch gerecht? Welche positiven bzw. kritischen Lehren haben Sie daraus gezogen? Welchen Rat geben Sie einem Vorstandsvorsitzenden einer anderen Branche, wie er sich diesem Thema am besten nähert.

Unser Anspruch ist die Demokratisierung von Hightech. Unsere Unternehmung ist dann erfolgreich und erfüllt auch ihren gesellschaftlichen Zweck, wenn sie möglichst allen Menschen die Teilhabe an digitaler Kommunikation und damit den Errungenschaften der Digitalisierung ermöglicht und so letztlich ihr Leben bereichert. Wir sind im Festnetzbereich in jüngster Vergangenheit sehr intelligente Partnerschaften eingegangen, die es uns als Unternehmen ermöglichen, unseren Kunden auch noch im entlegensten Winkel Deutschlands schnelles Internet anzubieten. Niemand erreicht hierzulande mehr Menschen mit High-Speed-Lösungen – fix oder mobil.

Wir sind mittlerweile der größte Mobilfunkanbieter Deutschlands – kein Wettbewerber verbindet mehr Menschen hierzulande. Wir belegen Spitzenpositionen bei Service, Angebot, Leistung und Preis.

Mit der Zusammenführung der Mobilfunknetze von Telefónica und E-Plus haben wir in den Jahren zuvor eine Herkulesaufgabe erfolgreich bewältigt. Während der Umbauphase haben wir unseren Kunden viel abverlangt. Wir konnten unser Leistungsversprechen in der Phase nicht immer zur Zufriedenheit aller einlösen. Aber aus diesem „Tief“ haben wir uns herausgearbeitet – und das wird mehr und mehr auch von Unabhängigen wahrgenommen und bestätigt. Großprojekte dieser Dimension erfordern Mut und Durchhaltevermögen, um das große Ziel – in unserem Fall Deutschlands größtes und modernstes Mobilfunknetz – nicht aus den Augen zu verlieren.

Genau hieraus speist sich auch mein persönlicher Rat an Führungskräfte: Seien Sie beharrlich und haben Sie den Mut, Projekte nachhaltig zu verfolgen, wenn Sie davon überzeugt sind. Wer nur auf kurzfristigen Applaus schielt, wird langfristig keinen Erfolg haben.


Die sogenannten Stakeholder, insbesondere die (institutionellen) Aktionäre nehmen ihre Eigentümerrechte und -pflichten viel stärker wahr als noch vor wenigen Jahren. Es reicht deshalb schon lange nicht mehr, die Vorgaben eines Kodex abzuhaken („comply-or-explain“). International ist die intensive und permanente Kommunikation/Interaktion der Stakeholder mit der Unternehmensführung auf dem Vormarsch („apply-and-explain“). Welche Trends sehen Sie hier und wie bewerten Sie diese?

Das erlebe ich auch so. Der Austausch findet deutlich häufiger statt und ist inhaltlich intensiver geworden. Das ist eine durchaus positive Entwicklung. Denn ein Eigentümer hat Rechte, die er auch verantwortungsvoll wahrnehmen sollte. Ein Beispiel: In persönlichen Investorengesprächen spielen die Themen Governance und Compliance seit einigen Jahren eine sehr wichtige Rolle. In unserer Telekommunikationsindustrie haben wir es in der Regel mit langfristig investierenden Anlegern zu tun. Diese erwarten ganz besonders in diesen Feldern absolute Klarheit und Verlässlichkeit von der Unternehmensführung. Das Thema Nachhaltigkeit ist in den vergangenen zwei Jahren zu einem Muss-Thema und somit letztlich zu einer Eintrittskarte bei Gesprächen mit der Finanzbranche und der Politik geworden. Ohne eine schlüssige, zukunftsgerichtete Strategie n diesem Feld fallen sie sehr schnell aus dem „Relevant Set“ dieser Stakeholder. Proaktive Kommunikation ist hier meines Erachtens wichtiger denn je, um eine vertrauensvolle Basis zu erreichen.


#FutureGoodGovernance ist derzeit noch in vielen Bereichen einer Glaskugel vergleichbar. Welche zukünftigen Aspekte der Good Governance liegen Ihnen besonders am Herzen? Was würden Sie sich wünschen, wenn Sie drei Wünsche frei hätten? Wo sehen Sie die Politik gefordert? Und welche Verantwortung haben zukünftig Unternehmen und deren Führungskräfte?

Zunächst sollten wir festhalten, dass wir nicht bei Null starten. In vielen Bereichen haben wir bereits sehr gute Standards. Deshalb sind wir alle zusammen gefordert, die gesetzten Vorgaben  flächendeckend und zeitnah umzusetzen. Nur so können wir letztlichen von einem realen, von einem lebenden Standard sprechen. Zweitens würde ich mir wünschen, dass wir mit jeder neuen Regulierung, die wir einführen, uns auch hinterfragen. Die Leitfrage dabei ist klar: Welche historischen Regelungen, die keinen Mehrwert mehr bieten, sollten wir außer Kraft setzen? Nur so verhindern wir, dass aus sinnvollen Standards in Summe ein undurchdringlicher Dschungel an Bürokratie wird. Und schließlich – drittens – sollten wir von dem Gedanken Abstand nehmen, alles haargenau regulieren zu müssen. In der Vergangenheit gab es immer wieder gute und erfolgreiche Beispiele von Selbstverpflichtungen, um schnell und zielgerichtet Herausforderungen zu lösen. Ich habe manchmal den Eindruck, dass zwischen Politik und Unternehmen viel Vertrauen verloren gegangen ist und konstruktiver Dialog mitunter nicht stattfindet. Ganz anders bei unseren Sozialpartnern. Wir haben uns von einem Tag auf den anderen ins Digitale verlegt, um die Gesundheit unserer Mitarbeiter zu schützen. Dabei sind wir sehr zielgerichtet und lösungsorientiert vorgegangen. Einen solchen Pragmatismus und Gestaltungswillen sollten wir uns möglichst bewahren. Im digitalen Zeitalter, wo die Zyklen und Geschwindigkeiten immer schneller werden, werden wir diesen nötiger brauchen als jemals zuvor.

 

Vielen Dank für das Interview!