Die Verantwortung von Unternehmern und Führungskräften wird in Zukunft sein, Haltung zu zeigen – auch wenn es unbequem ist.

Dräger

Stefan Dräger
Vorstandsvorsitzender der Drägerwerk AG & Co. KGaA

Wir haben mit Herrn Dräger über #FutureGoodGovernance gesprochen.


Ein Schiff braucht einen Kapitän. Es wird viel über neue Führungskonzepte gesprochen, von Partizipation und Freiraum. Wie viel Führung braucht ein Unternehmen zukünftig noch und wie viel Agilität verträgt es? Wie stellen Sie sich Unternehmensführung in der Zukunft vor?

Ja, ein Schiff braucht einen Kapitän. Beim Flugzeug dagegen sind die Zeitkonstanten für die Verarbeitung von Informationen schon wesentlich geringer, und deswegen ist im Cockpit auch ein Team. Im Unternehmen zählt nicht nur das Team im Cockpit, sondern jeder Einzelne. Zukünftige Unternehmensführung muss das Gesamtsystem im Blick haben. Und die Satellitenperspektive genauso regelmäßig einnehmen können wie auch eine Erdung vorzunehmen. Und mit allen Ebenen und auf allen Ebenen kommunizieren. Vor allem auch mit den Kunden.


Die Gretas der Welt haben den Blick auch auf Unternehmen und deren Handlungsfelder gelenkt. Welche Herausforderungen erwarten Sie zur gesellschaftliche Verantwortung und damit Nachhaltigkeit im Unternehmen?

Die Herausforderung ist die Kommunikation. Am Ende kommt es nicht darauf an, was gut und schlecht ist fürs Klima, sondern wie es in der Gesellschaft gesehen wird. Das ist ein ständiger Kampf von Fakten und Meinungen. Bei zunehmender Komplexität der Welt stellt die zunehmende Ambiguitätsintoleranz eine wachsende Bedrohung dar, ein Nährboden für Populismus. Der hat dieses Land und die Welt schon einmal ins Verderben geführt.


Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Heute geht es noch in erster Linie um Zahlen und Compliance. Künstliche Intelligenz verändert allerdings auch hier Perspektive und Denken. Wie können Sie sich ein zukünftiges System zur Überwachung des Vorstandes vorstellen? Wacht demnächst noch ein Aufsichtsrat über die Geschäftsführung oder wird demnächst die ‚Überwachung‘ durch einen technisch hochgerüsteten externen Dienstleister ersetzt?

Eine Überwachung durch Künstliche Intelligenz kann ich mir mit Verlaub gesagt nicht vorstellen. Das geht auch vom Prinzip her schlecht, denn die beruht immer auf Masse. Und die Wirkung eines Vorstands beruht auf Kreativität, im Guten wie im Schlechten. Das können Menschen besser beurteilen. Was Maschinen heute schon besser können, sind vollumfängliche Massenprüfungen. Wobei jede einzelne Transaktion betrachtet wird. Das war vor kurzer Zeit noch undenkbar, und das machen unsere technisch hochgerüsteten Dienstleister bereits heute im Rahmen ihrer Prüfungshandlungen.


Unternehmen sind einem ständigen Veränderungsprozess unterworfen. Welche Herausforderungen erwarten Sie für Ihr Unternehmen in den nächsten 10 Jahren? Wie werden diese Ihr Unternehmen verändern? Was wird sich für Beschäftigung und Qualifikation der Mitarbeitenden ändern?

Die Vielfalt nimmt zu. Das liegt nicht jedem. Das muss man mögen. Und man muss Menschen mögen. Mit all ihrer Unberechenbarkeit und ihrer Kreativität. Es wird immer weniger so sein, dass ein Mensch nur dann für eine Tätigkeit qualifiziert ist, wenn er ein entsprechendes Zeugnis nachweist nach Ablegen einer Prüfung. Das ist zu langsam. Wir haben jetzt schon viele neue Themen, für die es keine Ausbildung gibt und keine ausgewiesenen Experten. Da müssen wir einfach probieren, wie das geht und wer das kann.


Es wird viel über Zentralität vs. Dezentralität, Agilität und Kernkompetenz in Organisationen debattiert. Gibt es in 20 Jahren überhaupt noch Unternehmen im heutigen Sinne? Welche Veränderungen in Bezug auf Unternehmensorganisation und -finanzierung erwarten Sie bzw. würden Sie sich wünschen?

Ja, unbedingt gibt es die noch im heutigen Sinne. Das hat was mit Vertrauen zu tun. Vertrauen reduziert die Komplexität und die damit verbundenen Kosten. Steigert also die Effizienz. Doch wem kann man vertrauen? Das können natürliche Personen sein, oder auch Organisationen wie Unternehmen, oder auch Systeme. In jedem Fall braucht es aber eine wiederholte Erfahrung, also eine Konstanz. Wenn die sich nicht ausbilden kann, kann sich auch kein Vertrauen bilden, und die daraus resultierenden Vorteile können nicht genutzt werden.


Automobilhersteller werden zu Mobilitätsdienstleistern, Nahrungsmittelhersteller werden zu Lifestyle-Anbietern, Medienhäuser zu Data-Science-Unternehmen. Wohin wird sich Ihre Branche entwickeln? Gibt es Branchen – so wie wir sie heute kennen – in zehn Jahren überhaupt noch? Was kommt dann?

Ja, Branchen wird es weiterhin geben, und auch Rohstoffe werden weiterhin ihre Bedeutung haben, wie auch Hardware, denn ohne das geht nichts. Unser Unternehmen Dräger ist nicht in einer einzelnen Branche tätig, sondern in einer großartigen Vielfalt von Märkten, die jeder für sich genommen glänzende Zukunftsperspektiven haben. Darum ist mir vor der Zukunft nicht bange, und die Vielfalt macht es noch spannender. Und auch sicherer, denn wir brauchen niemals das ganze Unternehmen anheben, in der Luft um neunzig Grad drehen, und wieder auf dem Boden absetzen, ohne es dabei fallen zu lassen und einen Totalschaden zu riskieren. Weil wir eben nicht alle Eier in einem Korb haben, und die Veränderungen Stück für Stück, Markt für Markt erfolgen können.


Unternehmenslenkern wird heute von verschiedenen Seiten die Frage nach dem Unternehmenszweck oder nach dem spezifischen Auftrag des Unternehmens gestellt. Wie werden Sie diesem Anspruch gerecht? Welche positiven bzw. kritischen Lehren haben Sie daraus gezogen? Welchen Rat geben Sie einem Vorstandsvorsitzenden einer anderen Branche, wie er sich diesem Thema am besten nähert.

Wir machen Technik für das Leben. Das gibt unserer Arbeit einen großen tiefen Sinn. Und das schon seit unserer Gründung, seit über 130 Jahren. Gegen diesen Anspruch prüfen wir uns täglich. Das ist nicht kopierbar. Und wir sind sehr stolz darauf und empfinden es als großes Glück, so einem guten Zweck dienen zu dürfen. Das ist auch kommerziell sehr sinnvoll, denn diese Märkte haben alle wie gesagt für sich glänzende Zukunftsaussichten.


Die sogenannten Stakeholder, insbesondere die (institutionellen) Aktionäre nehmen ihre Eigentümerrechte und -pflichten viel stärker wahr als noch vor wenigen Jahren. Es reicht deshalb schon lange nicht mehr, die Vorgaben eines Kodex abzuhaken („comply-or-explain“). International ist die intensive und permanente Kommunikation/Interaktion der Stakeholder mit der Unternehmensführung auf dem Vormarsch („apply-and-explain“). Welche Trends sehen Sie hier und wie bewerten Sie diese?

Das ist ja nicht neu. In den 80er Jahren kam diese Shareholder-Value-Diskussion auf, rückblickend gesehen eine Fehlsteuerung. In den USA gibt es gerade eine Initiative, von namhaften Unternehmen, die eine klare Absage an reines Shareholder-Value-Denken ist. Das Stakeholder-Denken hat eine tiefe Verwurzelung in europäischer Sozialethik und ich freue mich, dass es hier Anzeichen eines Umdenkens gibt. Außerdem führten die gutgemeinten Gesetze und Regelungen zum Schutz der Aktionäre dazu, dass räuberische Aktionäre auf den Plan getreten sind. Die ihre Partikular-Interessen durchsetzen konnten auf Kosten anderer Stakeholder, beispielsweise der Kunden und Mitarbeiter. Das ist nicht nachhaltig. Was die Kodex-Systeme anbetrifft, siehe ich die Herausforderung, unser bewährtes Two-Tier-System zu verteidigen und die Rolle des Aufsichtsrates nicht zu überfrachten. Ein Old-Boys-Network alter Prägung ist grundsätzlich Gift für eine erfolgreiche Unternehmensentwicklung. Dem ist allerdings mit dem Kodex auch nur schwer beizukommen. Aus Eigentümersicht würde ich sagen, das ist einfach dumm. Und gegen Dummheit ist kein Kraut gewachsen


#FutureGoodGovernance ist derzeit noch in vielen Bereichen einer Glaskugel vergleichbar. Welche zukünftigen Aspekte der Good Governance liegen Ihnen besonders am Herzen? Was würden Sie sich wünschen, wenn Sie drei Wünsche frei hätten? Wo sehen Sie die Politik gefordert? Und welche Verantwortung haben zukünftig Unternehmen und deren Führungskräfte?

Oh, das sind ja viele Fragen auf einmal. Die Politik setzt die Rahmenbedingungen. Unternehmer können sich auf so ziemlich alles einstellen. Schlecht ist nur, wenn sich das System überraschend ändert, also wenn sich Politiker nicht mehr an die Zusagen ihrer Amtsvorgänger gebunden fühlen, und Versprechen und Verträge brechen. Ein Sonderthema das in meinen Augen regelmäßig zur Fehlsteuerung führt, ist die Bilanzierung von Goodwill, die entstand aus vermeintlichem Schutzinteresse der Aktionäre und der Sorge, es könnte durch Abschreibung der Gewinn verschwinden, der ausgeschüttet werden sollte. Die jetzige Praxis führt regelmäßig zur Überbewertung von Akquisitionen, die in Wirklichkeit nur Wert vernichten. Die Verantwortung von Unternehmern und Führungskräften wird in Zukunft sein, Haltung zu zeigen auch wenn es unbequem ist.

Vielen Dank für das Interview!