Gastbeitrag: Jens C. Laue (KPMG)

Jens Laue

Menschenrechte machen keinen Halt an der Unternehmensgrenze

„Es ist gut, dass wir die Erklärung der Menschenrechte haben. Besser wäre es, wenn wir sie erst gar nicht bräuchten“, hat der Begründer der modernen deutschen Strafrechtslehre, Johann Anselm Ritter von Feuerbach, vor rund 200 Jahren gesagt. So frage ich mich schon lange, warum es heutzutage oft erst eines Anstoßes aus der Regulatorik oder bestimmter Verfehlungen bedarf, damit wir uns intensiver mit dem Thema beschäftigen. Die Achtung der weltweiten Menschenrechte sollte in der DNA eines jeden Unternehmens und eines jeden Mitarbeiters verankert sein.

Dennoch benötigen Unternehmen offenkundig Prozesse und Kontrollen, die an diese Grundrechte erinnern. Anstatt dies zu beklagen wäre es besser, wir würden mit intelligenten Management-Systemen daran arbeiten, dieses Bestreben in jedem Geschäftsprozess zu verankern. Insbesondere das CSR-Richtlinien-Umsetzungsgesetz vom März letzten Jahres hat gefordert, dass bestimmte kapitalmarktorientierte Unternehmen Angaben zur Achtung der Menschenrechte machen müssen. Aber warum dieser Anstoß aus der Regulatorik?

Eigentlich müsste in jedem von uns intrinsisch der Wunsch schlummern, bei allem Wirtschaften und bei allem Streben nach Erfolg und Profitabilität, die Würde und Rechte der Menschen entlang der Wertschöpfungskette zu achten und zu berücksichtigen. Denn nicht nur die Kundenerwartungen an eine solche Unternehmensführung steigen, sondern auch die Reputation von Unternehmen steht wesentlich im Zusammenhang mit der immer sensibler werdenden Berichterstattung der Medien und NGOs.

Ebenso achten Investoren zunehmend auf die Einhaltung von Menschrechten in Unternehmen und deren Zulieferern. Ganz wichtig: Die Berücksichtigung von Menschenrechten macht keinen Halt an der Unternehmensgrenze, sondern erstreckt sich vielmehr auch über die gesamte Wertschöpfung und die Lieferketten des Unternehmens.

Die klassischen Steuerungssysteme der deutschen Corporate Governance bieten diverse Ansatzpunkte. Menschenrechtsverletzungen beispielsweise in bestimmten Ländern können im Risikomanagement Länderrisiken darstellen, die es bei strategischen Investitions- oder Expansionsentscheidungen durch entsprechende Maßnahmen im internen Kontrollsystem zu steuern und berücksichtigen gilt.

Allerdings finden betreffende Risikoanalysen häufig in organisatorisch getrennten sogenannten CSR-Managementsystemen statt, deren Einbindung in das Risikomanagement zumeist nur rudimentär ist. Im Rahmen des Compliance Managements wiederum muss durch Risikoanalysen und die Ableitung entsprechender Programme sichergestellt werden, dass es gerade in globalen Unternehmen sowie der Lieferkette nicht zu Rechtsverstößen wie z.B. Kinderarbeit kommt. Dieses Bild zeigt eindringlich auf, wie bedeutend diese Risiken einerseits für Unternehmen sind und wie wenig integriert die Corporate Governance in vielen Fällen zur Steuerung dieses Komplexes aufgestellt sind.

Eine angemessene Berücksichtigung der Menschenrechte ist nicht nur ein Risiko, dass es mit entsprechenden Kontrollen und Prozessen zu bändigen gilt, sondern gleichsam eine Chance, sich am Markt gegenüber Mitbewerbern zu differenzieren. Menschenrechte achten – und darüber reden! Die CSR Berichterstattung schafft Raum dafür.

Jens C. Laue ist Partner und Head of Governance & Assurance Services der KPMG AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft.