Impulsvortrag zum 13. Deutschen Aufsichtsratstag

Das Motto des 13. Deutschen Aufsichtsratstages lautet „Corporate Governance weiterdenken“. Und das aus gutem Grund.

Einige von Ihnen werden sich erinnern: vergangenen November, beim 12. DART, hat Rolf Nonnenmacher, der Vorsitzende der Regierungskommission Deutscher Corporate Governance Kodex,  darüber referiert, wie er sich die ein halbes Jahr zuvor angekündigte ‚grundlegende Überarbeitung des Kodex’ vorstellt. Ich hatte damals gehofft, dass eine lebendige, transparente Debatte entsteht – und dass auch neue Ansätze ernsthaft diskutiert werden.

Doch diese Diskussion, sollte sie jemals wirklich stattgefunden haben, ist weitgehend zum Erliegen gekommen. Die Kommission tagt hinter verschlossenen Türen – und niemand weiß, nach welchen Kriterien sie die Stakeholder auswählt, mit denen sie über die Reformpläne diskutiert.

Auch in der Öffentlichkeit findet leider keine echte Debatte statt. Einige wenige Investoren haben in dieser HV-Saison zwar mit wachsender Vehemenz Corporate-Governance-Standards angemahnt, aber die meisten schweigen, solange die Dividende stimmt. Die Medien wiederum verlieren sich zum Teil in Polemik, etwa wenn sie Aufsichtsratsvorsitzende pauschal abqualifizieren.

Was bedeutet das für uns Aufsichtsräte? Ich meine: Wir müssen die Diskussion über Corporate-Governance-Standards im Allgemeinen und die Kodex-Reform im Besonderen so schnell wie möglich wiederbeleben – und ihr unseren Stempel aufdrücken.

Mangelnde Diversity in der Regierungskommission

Denn es kann uns doch nicht zufriedenstellen, dass Vertreter unseres Berufsstandes einerseits pauschal für Fehlentwicklungen verantwortlich gemacht werden (ich erinnere an die Fälle Deutsche Bank und Deutsche Börse) – wir aber andererseits kaum Einfluss auf die Standards haben, nach denen Unternehmensführung und -überwachung hierzulande als ‚best practice‘ bewertet werden.

Denn machen wir uns nichts vor: In der Regierungskommission sitzen zwar auch Aufsichtsräte, aber unterm Strich dominieren Investoren, Aktionärsschützer und Wirtschaftsprüfer. Die wichtigen Branchen der deutschen Wirtschaft sind in der Regierungskommission gar nicht vertreten . Von einer Regierungskommission als der Stimme der Wirtschaft im Rahmen einer Selbstregulierung, wie es ursprünglich die Konzeption des Kodex war, kann keine Rede mehr sein.

Wäre die Kommission ein Aufsichtsrat, müsste man ihr mangelnde Diversity attestieren.

Das Ergebnis ist, vorsichtig formuliert, bedenklich. Der Kodex hat sich zu einem kleinteiligen Sammelsurium von Hinweisen, Empfehlungen und Selbstverständlichkeiten entwickelt, das viele als bürokratisch und bevormundend empfinden.

Ich bin überzeugt: Diese Bevormundung nimmt Entscheidungsträger aus der statt in die Verantwortung – und ist damit ein ganz wesentlicher Grund, warum wir in Sachen Corporate Governance allenfalls schleppend vorankommen und 16 Jahre nach Inkrafttreten des Kodex immer noch zahlreiche Fälle erleben, über die man nur den Kopf schütteln kann.

Lasst uns Verantwortung übernehmen!

Müssen wir das hinnehmen? Ich meine: Nein. Es ist höchste Zeit, unser derzeitiges Corporate-Governance-System mit der Regierungskommission im Zentrum zu hinterfragen und zu reformieren. Meines Erachtens sind wir, die Aufsichtsräte, die zentralen Gestalter der Corporate Governance in Deutschland.

Wenn wir für Fehlentwicklungen verantwortlich gemacht werden – müssen wir dann nicht auch bei der Gestaltung der Standards Verantwortung übernehmen?

Ich habe die Aufsichtsratsvorsitzenden der börsennotierten Unternehmen deshalb eingeladen, sich an einer Initiative zu beteiligen, die uns Aufsichtsräten eine stärkere Stimme gibt – und dafür Zuspruch bekommen, über den ich mich sehr gefreut habe.

Ich möchte diese Einladung hier und heute auf sämtliche Aufsichtsräte ausweiten. Wie ein neues Corporate-Governance-System in Deutschland aussehen könnte, habe ich unter anderem mit meinem Entwurf für einen neuen, schlanken und zukunftsorientierten, Kodex und heute in einem Gastbeitrag in der Börsen-Zeitung skizziert . Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie sich im Anschluss an den DART die Zeit nehmen, darüber nachzudenken – und nicht mit Anmerkungen, Vorschlägen und Kritik geizen.

Und zum Anschluss noch eine positive Bemerkung: Trotz der teils polemischen Kritik kann aus meiner Sicht kein Zweifel bestehen, dass wir bei der Professionalisierung unseres Berufsstandes Fortschritte machen. Aufsichtsräte sind deshalb nicht nur berufen, sondern auch fähig, die Rolle des Corporate-Governance-Gestalters anzunehmen.

Herzlichst, Ihr Peter H. Dehnen