Halbzeitanalyse: Die Top Ten der Governance-Antreiber

Corporate Governance

Allen Unkenrufen zum Trotz gab es auch in diesem Jahr etliche erfreuliche Entwicklungen in Sachen Corporate Governance. Wir haben uns deshalb nach Ablauf des ersten Halbjahres zusammengesetzt und reflektiert: Welche Unternehmer, Vorstände und Aufsichtsräte stachen besonders heraus, weil sie wichtige Entscheidungen gefällt, Reformen vorangetrieben oder nachahmenswerte Strukturen implementiert haben? Unsere Top Ten in alphabetischer Reihenfolge:

Werner Bahlsen… lässt seinen Worten Taten folgen. Nachdem er 2017 angekündigt hatte, dass sein Unternehmen „keine Spielwiese für Unternehmerkinder“ wird, präsentierte der Keks-Unternehmer im Frühling eine überzeugende Nachfolgereglung. Der 69-Jährige überließ die Unternehmensführung vier externen Managern – und installierte zugleich einen Verwaltungsrat mit qualifizierten Experten.

Werner Conrad… profitiert von Digital-Expertise im Verwaltungsrat. Eines der Vorbilder für Bahlsen könnte der bayrische Elektronikhändler Werner Conrad gewesen sein, der seit Jahren auf einen Verwaltungsrat mit renommierten Profis und vor allem Digital-Expertise setzt – in Gestalt von XING-Chef Thomas Vollmöller und Lea-Sophie Cramer, Gründerin des Online-Erotikshops Amorelie. Kein Wunder, dass Conrad optimistisch in die Zukunft blickt und ankündigte, mit einer eigenen Plattform zum führenden Smart-Home-Dienstleister werden zu wollen.

Diane Greene… führt eine Riege interessanter Aufsichtsrätinnen an. Deutschlands Aufsichtsratschefs haben in der diesjährigen HV-Saison eine Reihe von hochqualifizierten Frauen präsentiert, die die Gremien bereichern werden. Neben der Google-Managerin Diane Green (SAP) gehören dazu beispielsweise die frühere GfK-Finanzchefin Pamela Knapp (Lanxess), die französische Warner-Bros-Präsidentin Iris Knobloch (Axel Springer) und die Pictet-Bankerin Barbara Lambert (Deutsche Börse).

Lars Hinrichs… bringt frischen Wind in den Telekom-Aufsichtsrat. Zu den Highlights des Deutschen Aufsichtsratstags (#DART13) Ende Juni gehörte die Podiumsdiskussion mit den drei Aufsichtsräten Nadine Kammerlander (Indus), Christina Reuter (Kion) und Lars Hinrichs (Deutsche Telekom), die deutlich machte, warum junge Mitglieder die Gremien voranbringen. So berichtete XING-Gründer Hinrichs, dass er seinen neuen Kollegen zum Amtsantritt erstmal ein Buch geschenkt habe: „The second machine age – Wie die digitale Revolution unser aller Leben verändern wird.

Tim Höttges… wandelt auf den Spuren von Steve Jobs. Die Sprachwissenschaftler der Uni Hohenheim haben Timotheus Höttges zum dritten Mal in Folge zum besten HV-Redner im Dax gekürt (vor Fresenius-Chef Stephan Sturm und Deutsche-Post-CEO Frank Appel). Damit ist der Telekom-CEO auf dem besten Weg, in die Fußstapfen des legendären Präsentators Steve Jobs zu treten.

Karl-Ludwig Kley… macht den Lufthansa-Aufsichtsrat agiler. Wenn Unternehmen Hierarchiestufen abbauen und schnellere Entscheidungen fällen, wäre es tragisch, wenn es auf Aufsichtsratsebene doch wieder zu Verzögerungen kommt. Deshalb ist es richtig und wichtig, dass der Lufthansa-Aufsichtsrat auf Betreiben von Gremienchef Kley neuerdings auch mit Hilfe elektronischer Kommunikationsmittel Beschlüsse fassen darf.

Nicola Leibinger-Kammüller flirtet mit einem Fremd-Geschäftsführer. Die Chefin des Ditzinger Werkzeugmaschinenherstellers Trumpf verkündete im Januar, dass sie sich vorstellen kann, einen familienfremden Geschäftsführer zu ihrem Nachfolger zu küren – und stellte klar: „Es kommt nicht darauf an, dass die Firma von der Familie geführt wird, sondern dass sie gut geführt wird.“

Hasso Plattner… beweist Gespür für gesellschaftliche Herausforderungen. Der SAP-Aufsichtsratschef hat vor wenigen Wochen einen engen Schulterschluss zwischen Wirtschaft und Politik gefordert. Da die technologische Revolution zahlreiche Jobs obsolet mache, müsse man gemeinsam Lösungen entwickeln – vor allem im Bereich der Aus- und Weiterbildung. Recht hat er!

Max Viessmann… will Mitarbeiter mitnehmen und nicht entlassen. Der 29-jährige Co-Vorstandschef des familieneigenen Heizungskonzerns aus Hessen macht seine Mitarbeiter fit für die digitale Transformation – und setzt dabei neben Weiterbildung auch auf Transparenz und Teilhabe. So gibt’s jeden Monat eine Mitarbeiterversammlung, an der jeder per Live-Stream teilnehmen kann. Im Anschluss erhalte er zwischen 400 und 500 Mails, erzählte Viessmann jüngst. Viele Mitarbeiter interessieren sich also offenbar fürs große Ganze. Das lässt hoffen.

Werner Wenning… outet sich als echter Teamplayer. Wer den Teamspirit stärken will, darf mit den Boni keine Egoisten fördern. So sieht es auch der Bayer-Aufsichtsratschef: „Bei uns gilt: Geht es dem Unternehmen gut, geht es allen gut – vom Vorstandschef bis zum Pförtner“, sagte er im Februar der „Rheinischen Post“. „Laufen die Geschäfte schlechter, sinken die Prämien für alle.“ Wir hoffen, dass sich diese Erkenntnis auch anderswo durchsetzt.