Hiesinger & Lehner: Warum die Kritiker die Falschen attackieren

Im Fußball ist nachtreten verpönt, in der Wirtschaft leider gang und gäbe. Das erleben wir gerade wieder im Fall ThyssenKrupp: Über Ex-Vorstandschef Heinrich Hiesinger und den ebenfalls abgetretenen Aufsichtsratschef Ulrich Lehner prasselt ein wahrer Hagel der Kritik nieder, und zwar aus dem gesamten Spektrum der Wirtschaft. So bezeichnete der Ex-Investmentbanker Dirk Notheis die Entscheidungen der beiden in einer FAZ-Kolumne als „erschreckend verantwortungslos“, und der ThyssenKrupp-Arbeitnehmervertreter Markus Grolms (derzeit Interimschef des Aufsichtsrats) verstieg sich gar zu einem Vergleich mit einem „beleidigten Kind“. Puh.

Hiesinger-Bashing verstellt den Blick aufs Wesentliche

Wir finden es erstaunlich, wie selbstgewiss sich mancher derart ehrenrührige Urteile erlaubt, ohne die genauen Hintergründe zu kennen – also etwa die Gespräche Hiesingers und Lehners mit der Aufsichtsrätin Ursula Gather, die den Großaktionär Krupp-Stiftung vertritt. Klar ist doch nur: Gather hat den beiden klare Rückendeckung verweigert, obwohl sich der Streit mit den Investoren Cevian und Elliott zuspitzte. Dass Hiesinger und Lehner dies nach dem langen, kräftezehrenden Kampf für ihre Prinzipien als Misstrauensvotum deuteten und Konsequenzen zogen, halten wir für geradlinig und nachvollziehbar. Statt weiter auf die beiden einzudreschen, sollten Kritiker lieber nach vorne schauen – und sich zum Beispiel der Frage widmen, ob die Krupp-Stiftung wirtschaftlich erfahrenere Experten in den ThyssenKrupp-Aufsichtsrat schicken müsste, die den hochprofessionellen Cevian-Vertretern mehr entgegenzusetzen haben. Wir sind überzeugt: Nur so kann sie ihren Auftrag erfüllen und ThyssenKrupp vor einer eindimensionalen Shareholder-Value-Kultur bewahren.