Hauptversammlungen: Ein Lob der indirekten Aktionärsdemokratie

Aktionärsdemokratie

Immer öfter verweigern Aktionäre Verantwortlichen die Entlastung: Ende April traf es Bayer-CEO Werner Baumann, nächste Woche muss die Führungsriege der Deutschen Bank zittern. Der Trend befeuert eine Grundsatzdebatte über unser Corporate-Governance-System: Es könne doch nicht angehen, dass Abstimmungsniederlagen folgenlos bleiben, meinen Kritiker – und fordern deshalb eine direkte „Aktionärsdemokratie“. Wir halten das für brandgefährlich: Wenn Investoren Manager nicht nur via Nicht-Entlastung verwarnen, sondern auch abwählen können, wird eine langfristige personelle und strategische Planung fast unmöglich.

Wie Kapitalismuskritiker die Shareholder-Value-Kapitalisten stärken

Zudem sollten Governance-Demokraten bedenken: Investoren verfolgen eigene, oft kurzfristige Interessen. Wenn wir ihnen mehr Macht geben, wäre das eine Steilvorlage für aktivistische Aktionäre, die auf schnelle Kurssteigerungen setzen oder für ihre Zustimmung üppige Dividenden fordern (zulasten von Zukunftsinvestitionen). Für uns ist deshalb klar: Wer im Stil eines Kapitalismuskritikers direkte Aktionärsdemokratie fordert, stärkt ausgerechnet die Shareholder-Value-Maximierer. Aufsichtsräte sind dagegen dem gesamten Unternehmen mit allen Stakeholdern verpflichtet – und damit ein Garant für nachhaltige Strategien, wenn die Gremienmitglieder ihren Job ernst nehmen. Statt die Systemfrage zu stellen, sollten wir deshalb Professionalisierung der Aufsichtsräte vorantreiben.