Top vs. Flop: Saori Dubourg, Donald Trump und die Börse

Börse

Die Aktienmärkte haben sich in der Corona-Krise weit von der Realität entfernt – gerade in den USA. Das unterstreicht: Kurse und Indizes sind schlechte Indikatoren, um Volkswirtschaften und Unternehmen zu beurteilen. Können wir das ändern?  


 

Wenn an der Börse die Zukunft gehandelt wird, ist die Corona-Pandemie bald ausgestanden. Die großen Indizes notierten im Lauf der Woche fast wieder auf Vorkrisen-Niveau – selbst in den USA, wo das Virus besonders heftig wütet. Das ist eine willkommene Argumentationshilfe für Donald Trump, der steigende Kurse gerne als Beleg für eine erfolgreiche Wirtschaftspolitik wertet.

Da unterliegt der US-Präsident jedoch einem Irrtum. Denn die Aktienkurse reflektieren die wahre Situation nur noch bedingt – wenn überhaupt. Das zeigt ein Blick auf den S&P 500: Im letzten Konjunkturzyklus lieferten die dort gelisteten Konzerne Aktionären satte neun Billionen Dollar Rendite (bei einer Marktkapitalisierung von 23 Billionen Dollar).

Doch das war kein Ausdruck erfolgreicher Geschäfte. Unternehmen hätten Dividenden und Aktienrückkäufe „hauptsächlich durch die Erhöhung des Fremdkapitalanteils“ finanziert, schreibt die Fondsgesellschaft MFS. Das habe die Bewertungen „völlig losgelöst“ vom Wirtschaftswachstum in die Höhe getrieben – und sei damit ein Paradebeispiel für die „Shareholder-Primacy“-Doktrin.

Warum Börsenwert-Rankings wenig wert sind

Die Entkopplung belegt, dass die Aktienmärkte schlechte Indikatoren für Länder und Unternehmen sind. Kommen Sie uns deshalb bitte nicht mit Börsenwert-Rankings, um „nationale Champions“ in Deutschland zu fordern. Und lassen Sie sich Besseres einfallen als „Konglomeratsabschläge“, um für eine Verschlankung von Konzernen zu propagieren.

Wir sind überzeugt: Wer Börsenkurse zum Maßstab macht, legt das Fundament für wirtschaftspolitische und unternehmerische Fehlentscheidungen. Das gilt nach der Corona-Krise umso mehr, weil die Shareholder-Primacy weiter unter Druck gerät. So sind Cash-Reserven künftig wichtiger als hohe Ausschüttungen – und stabile Lieferketten haben Vorrang vor Kostenoptimierung.

Die Pandemie könnte deshalb den Delisting-Trend beschleunigen, weil Vorstände nach dem Abschied von der Börse oft keine kurzfristig orientierten Aktionäre mehr pämpern müssen. Umso wichtiger wäre es, die Börse zu einem besseren Ort zu machen, dessen Mechanismen eine langfristig orientierte Unternehmensführung nicht erschweren.

„Die Soziale Marktwirtschaft bilanziell abbilden“

Wir haben in diesem Zusammenhang vorgeschlagen, Corporate-Governance-Standards zur Bedingung für ein Listing zu machen. Auf diese Weise könnte unabhängige Aufsichtsräte zum Bollwerk gegen aktivistische Aktionäre werden.

Ein weiterer spannender Ansatz ist die „Value Balancing Initiative“, die Manager und Experten um die BASF-Vorständin Saori Dubourg vorantreiben. Das Ziel sind Bilanzen, die den Wert von Unternehmen für sämtliche Stakeholder abbilden. Löhne und Weiterbildungsinitiativen tauchen deshalb nicht (nur) als Kosten auf, sondern auch positive Wertbeiträge.

„Wir wollen die Soziale Marktwirtschaft bilanziell abbilden“, sagt Dubourg. Keine Frage: Solche Bilanzen können langfristiges Denken fördern und zugleich langfristige Investoren stärken. Denn sie bekämen aussagekräftige, vergleichbare Kennzahlen und mehr Transparenz. Zudem entstünden Indizes und Kurse, die näher an der Realität sind – und damit bessere Indikatoren.

Vorstände und Aufsichtsräte sollten darauf allerdings nicht warten, sondern schon jetzt den wahren Wert ihres Unternehmens ermitteln. Entscheidungen können dadurch nur besser werden – gerade mit Blick auf die neuen Erwartungen an die Unternehmen.

 

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