Herbert Diess & Joe Kaeser: Inklusiver Kapitalismus, exklusive Gehälter

Herbert Diess

Unternehmen, die ihrer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht werden wollen, geraten schnell unter PR-Verdacht. Das ist ärgerlich, aber nachvollziehbar – und lässt sich ändern.

„Es ist unsere humanitäre Pflicht, schnell und unbürokratisch zu helfen.“ So begründete VW-Chef Herbert Diess die Fünf-Millionen-Euro-Spende für Flüchtlinge in Moria, die er zusammen mit Joe Kaeser auf den Weg gebracht hat.

Für die Initiative der beiden Top-Manager gab’s in der Wirtschaft viel Applaus. Doch insbesondere in den sozialen Medien wurden auch andere Stimmen laut. Und Kritik kam nicht nur bei den üblichen Verdächtigen vom rechten Rand. Von „Heuchelei“ war die Rede, und zahlreiche Kommentatoren ließen durchblicken, dass sie die Aktion für PR-getrieben halten.

Ähnliches erlebte Microsoft, als der Konzern ankündigte, Behörden mehr Daten zu überlassen. Die „Open-Data“-Initiative soll unter anderem dazu beitragen, den Breitband-Ausbau zu beschleunigen. Doch viele trauten dem Braten nicht. Microsoft „dürfte es um knallharte Wirtschaftsinteressen gehen“, konstatierte das Handelsblatt – und nicht „um den vorgeschobenen Dienst an der Allgemeinheit“.

Was tun gegen den Heuchelei-Verdacht?

Das verbreitete Misstrauen zeigt, in welchem Dilemma Unternehmen im Stakeholder-Value-Zeitalter stecken: Einerseits sollen sie ihrer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht werden – andererseits geraten sie sofort unter Heuchelei-Verdacht, wenn sie ernst machen. Was also tun?

Zunächst sollten Entscheider erkennen, dass es Gründe für das Misstrauen gibt. Wer wie Joe Kaeser bei jeder Gelegenheit „inklusiven Kapitalismus“ fordert, aber exklusiv verdient, hat ein Glaubwürdigkeitsproblem. Und wer wie Herbert Diess Zehntausende Diesel-Kunden zwingt, um Entschädigungen zu kämpfen, muss sich erstmal Vertrauen erarbeiten.

Statt über unfaire Unterstellungen zu jammern, sollten sich Vorstände und Aufsichtsräte deshalb lieber fragen, wo sie ihrer Verantwortung (noch) nicht gerecht werden – und auch dahin gehen, wo es weh tut (an die Boni zum Beispiel). Das wäre konsequent und glaubwürdig. Und es nähme all jenen den Wind aus den Segeln, die Unternehmen allzu gerne unter Pauschalverdacht stellen und das populistische Narrativ von den bösen Kapitalisten pflegen.