Karl Marx, Michael Otto und das „Verantwortungseigentum“

Verantwortungseigentum

Die Initiative für eine neue Rechtsform stößt auf Widerstand – wegen einer unglücklichen Namenswahl und Beißreflexen. Dabei geht es im Kern um optimale Voraussetzungen für gute Unternehmensführung.

Wenn Karl Marx das noch erlebt hätte: Das Kapital kämpft darum, sich selbst enteignen zu dürfen. Denn die „GmbH in Verantwortungseigentum“, die eine Unternehmer- und Experteninitiative als neue Rechtsform etablieren will, soll quasi sich selbst gehören. Niemand hätte Zugriff auf Firmenvermögen und Gewinne, Gesellschafter würden als Treuhänder fungieren.

Das mag ungewöhnlich klingen, ist aber letztlich nichts anderes als das Modell zahlreicher deutscher Stiftungsunternehmen. Stiftungen sind für Startups und Mittelständler jedoch häufig keine Option, weil das komplexe Stiftungsrecht hohe Hürden aufbaut.

Zu den Unterstützern der Initiative zählen prominente Aufsichtsräte wie Ann-Kristin Achleitner, Michael Otto und Verena Pausder, aber auch Ökonomen wie Michael Hüther. Da sie sozialistischer Umtriebe unverdächtig sind, wundert uns manche Kritik von liberaler Seite. Es bestehe die Gefahr, dass „aus Verantwortungseigentum Volkseigentum wird“, stand im Handelsblatt zu lesen.

Jeder kann, keiner muss

Verantwortungseigentümer als 5. Kolonne des Sozialismus? Mit Verlaub: Unternehmer haben die freie Wahl – jeder kann, keiner muss. Aber diejenigen, die wollen, sähen sich nicht mehr mit unüberwindbaren bürokratischen Hürden konfrontiert. Eigentümerrechte würden also gestärkt, und Verantwortung, Eigentum und Haftung würden genauso wenig entkoppelt wie in Stiftungsunternehmen.

Außerdem ist das Modell die konsequente Weiterentwicklung eines zentralen Corporate-Governance-Prinzips: Bei der „GmbH in Verantwortungseigentum“ stünde das Wohl des Unternehmens automatisch im Zentrum – und nicht die Interessen einzelner Anteilseigner. Niemand könnte auf hohe Ausschüttungen drängen; es gäbe keinen Druck, kurzfristig Gewinne zu maximieren.

Das ist Soziale Marktwirtschaft, aber kein Sozialismus – zumal die Gesellschafter weiter volles Stimmrecht haben und selbst entscheiden, wen sie in den Kreis der „Verantwortungseigentümer“ aufnehmen. Die Selbstenteignung bleibt also pekuniär. Und es geht auch nicht um eine „Kollektivierung“, wie sie Juso-Chef Kevin Kühnert mit Blick auf BMW ins Spiel gebracht hat.

Auf den Spuren von Bosch & Cewe

Sicher: Verantwortungseigentum ist nicht für jedes Unternehmen geeignet und auch kein Garant für gute Unternehmensführung. Auch das ist eine Parallele zum Stiftungsmodell: Wir haben bereits auf die schweren Konstruktionsfehler bei der Krupp-Stiftung hingewiesen, die den Niedergang der Industrie-Ikone ThyssenKrupp befeuert haben.

Auf der anderen Seite beweisen erfolgreiche Stiftungsunternehmen wie Bosch oder Cewe, dass das Konstrukt gute Rahmenbedingungen für verantwortungsbewusste Unternehmen schaffen kann. Warum sollten wir Mittelständlern also die Chance verweigern, sich auf die Spuren von Robert Bosch zu begeben?

Wir hoffen deshalb, dass die Initiative Erfolg hat – empfehlen allerdings einen neuen Namen. Denn der jetzige Begriff suggeriert, dass andere Mittelständler ihre Unternehmen ohne Verantwortungsbewusstsein führen. Das wirkt anmaßend und hat vor allem bei Vertretern von Familienunternehmen Beißreflexe ausgelöst. Vorschläge leiten wir gerne weiter.