Hasso Plattner vs. Manfred Bischoff: Unser Aufsichtsrat des Jahres 2020

Anzug

Alter schützt vor Leistung nicht: Warum der SAP-Aufsichtsratschef in diesem Jahr vieles richtig gemacht hat – und was sein Pendant bei Daimler versäumte.

Zugegeben, auf den ersten Blick spricht wenig für Hasso Plattner als „Aufsichtsrat des Jahres 2020“: Erst musste Co-Chefin Jennifer Morgan nach nur sechs Monaten ihren Hut nehmen. Dann korrigierte der Konzern die Prognose deutlich nach unten – und die Aktie stürzte ab. Ganz zu schweigen davon, dass Vollblutunternehmer Plattner ohnehin nicht als Corporate-Governance-Musterknabe gilt.

Aus unserer Sicht hat er 2020 dennoch Herausragendes geleistet. Denn Personalquerelen und Aktien-Crash sind die Folge eines Machtworts, mit dem der Patriarch entscheidende Weichen für die Zukunft gestellt hat: Plattner hat das Primat des schnelles Wachstums beendet und die Kundenzufriedenheit zum zentralen Kriterium erklärt.

„Wir haben einfach unseren Kunden nicht zugehört“, konstatierte er unverhohlen. Deutlicher hätte der Bruch mit der McDermott-Doktrin kaum ausfallen können. Die Demission der McDermott-Anhängerin Morgan war deshalb ebenso zwingend wie der Einbruch der Aktie. Denn SAP investiert jetzt kräftig in die Zukunft und nimmt dafür sinkende Renditen in Kauf. „Ich opfere den Erfolg unserer Kunden nicht der kurzfristigen Optimierung unserer Marge“, sagte CEO Christian Klein im Oktober. Sein Aufsichtsratschef wird es wohlwollend vernommen haben.

Wie Daimler den Generationswechsel verschlief

Plattners Machtwort zeigt, dass bei pauschalen Corporate-Governance-Kriterien wie Altersgrenzen Vorsicht geboten ist: Auch ein 76-jähriger kann noch der Richtige für den Aufsichtsratsvorsitz sein – jedenfalls, wenn er für frischen Wind sorgt.

Und genau das hat Plattner gemacht; der SAP-Aufsichtsrat ist 2020 jünger und weiblicher denn je. Mit der Designforscherin Gesche Jost (46), der Compliance-Expertin Friederike Rotsch (48) und dem Medienmanager Gunnar Wiedenfels (43) hat der SAP-Gründer in den letzten Jahren spannende Persönlichkeiten engagiert.

Das ist selbst im Dax leider alles andere als Standard. Besonders auffällig ist die die Diskrepanz zum Daimler-Aufsichtsrat: Dort ist Telekom-Chef Tim Höttges mit zarten 58 Jahren der Jungspund unter den Kapitalvertretern. Es dominieren erfahrene Manager Clemens Börsig (72), Jürgen Hambrecht (74) oder Bernd Pischetsrieder (72).

Keine Frage: Jeder Einzelne ist ein fähiger Aufsichtsrat. Aber Diversity sieht eben anders aus. Erschwerend kommt hinzu, dass gleich mehrere Mitglieder schon länger als zehn Jahre dabei sind. Damit sind sie womöglich bereits Teil des Systems, dass sie überwachen sollen. Allein deshalb hätte Aufsichtsratschef Manfred Bischoff (78) längst für frischen Wind sorgen müssen.