Pötsch vs. Steinemann – der Aufsichtsrat als Transformationsbremse?

Flache Hierarchie

Die Gefahr von Blockaden in den Kontrollgremien wächst. Warum wir die Mitbestimmung neu denken müssen, um gefährliche Hängepartien zu verhindern.

Gute Aufsichtsräte drängen seit einiger Zeit vehement auf flachere Hierarchien und kürzere Entscheidungswege. Denn sie haben erkannt: Nur „agile“ Unternehmen könnten schnell genug auf rasante technologische und gesellschaftliche Veränderungen reagieren.

Umso ärgerlicher ist es deshalb, wenn ausgerechnet die Aufsichtsräte selbst zu Bremsern werden. Wie letzte Woche in Wolfsburg: Dort konnte sich das Kontrollgremium nicht auf wichtige Personalien einigen. Ein „wieder aufgeflammter Machtkampf“ zwischen CEO Herbert Diess und Betriebsratschef Bernd Osterloh halte den Konzern in Atem, schrieb das Handelsblatt.

Der Betriebsrat ist bei VW besonders mächtig, was vor allem am Einfluss der Politik liegt: Der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil ist aus Sicht der Kapitalvertreter im Aufsichtsrat ein unsicherer Kantonist (wie auch seine Vorgänger). Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch muss stets fürchten, dass er sich auf die Seite der Arbeitnehmer schlägt – ein Machtwort ist deshalb keine Option.

Mitbestimmung: Bereiten unabhängige Aufsichtsräte den Boden für Kollektivierungen?

Wie wichtig das aus Sicht der Eigentümer sein kann, hat sich im Frühjahr bei der Metro gezeigt: Aufsichtsratschef Jürgen Steinemann nutzte sein Doppelstimmrecht, um den Verkauf der Warenhauskette Real gegen den Willen der Arbeitnehmer durchzusetzen. Dafür musste er viel Kritik einstecken; so rügte die Süddeutsche Zeitung einen Verstoß gegen den „Geist der Mitbestimmung“.

Zudem drängen die Gewerkschaften seither mit wachsender Vehemenz darauf, Doppelstimmrechte abzuschaffen und durch ein Mediationsverfahren zu ersetzen. Die Turbulenzen in Wolfsburg, wo  de facto bereits eine Mediation nötig ist, zeigen jedoch eindrucksvoll: Ein solches Modell birgt erhebliche Risiken.

Und wir fürchten, dass die Gefahr von Hängepartien auch in anderen Unternehmen wächst. Denn da Aktionäre – erfreulicherweise! – immer öfter unabhängige Experten und Stakeholder für den Aufsichtsrat nominieren (wie jüngst Bayer), bilden die Kapitalvertreter keine geschlossene Phalanx mehr. Doppelstimmrechte können deshalb ins Leere laufen.

Bereitet „Good Governance“ somit den Boden für eine Kollektivierung und eine Übermacht der Arbeitnehmer? Wir sind jedenfalls überzeugt: Wenn die Kapitalseite unabhängiger und vielfältiger wird, muss die Arbeitnehmerseite in den Aufsichtsräten nachziehen. Wir brauchen auch dort eine Stakeholder-Value-Kultur – und mehr unternehmerisches Denken.