Cromme, Helmes, Källenius: Was taugen die Aufsichtsräte der Börsen-Newcomer?

In diesem Jahr drängen etliche Unternehmen an die Börse. Aktionäre sind gut beraten, einen genauen Blick auf die Kontrollgremien zu werfen. Denn es liegt Einiges im Argen.

Das Manager Magazin konstatierte ein „fulminantes Börsendebüt“, die FAZ jubelte über eine „Kursrakete“. Und ja: Der Auto1-Börsengang macht Lust auf mehr und dürfte weitere Unternehmen ermutigen. Die Pipeline der IPO-Kandidaten ist ohnehin gut gefüllt, von Daimler Trucks bis Friedrich Vorwerk drängen etliche Firmen Richtung Börse.

Was uns im Vorfeld der Börsengänge immer wieder überrascht: Während Analysten die Finanzberichte mit geradezu chirurgischer Präzision zerlegen, schenken sie den Kontrollgremien nur wenig Beachtung. Dabei hat der Wirecard-Skandal doch besonders eindrucksvoll gezeigt, wie wichtig professionelle Aufsichtsräte sind.

Zwei Schwachpunkte fallen uns bei Börsen-Newcomern immer wieder auf: eine ausgeprägte Dominanz von Venture-Capital-Investoren und eine hohe Abhängigkeit von (einstigen) Muttergesellschaften.

Siemens Healthineers: Die Leine wird länger   

Auto1 ist ein klassisches Beispiel für die erste Schwäche: Mit Andrin Bachmann und Sylvie Mutschler von Specht stammen zwei der fünf Aufsichtsräte aus der Venture-Capital-Szene und haben einen starken Fokus auf schnelles Wachstum und Skalierung. Das ist bei jungen Unternehmen zweifellos wichtig, aber auf dem Weg zum etablierten Konzern sind zunehmend weitere Kompetenzen gefragt, etwa in Sachen Compliance. Und aus unserer Sicht können Aufsichtsratschef Gerhard Cromme (77) und der frühere Landesbanker Gerd Häusler (69) diese Lücke nicht alleine füllen.

Im Fall Daimler Trucks wird spannend, wie groß das zweite typische Problem wird: die Dominanz der (Ex-)-Mutter im Aufsichtsrat. Konzernchef Ola Källenius hat zwar ein „unabhängiges Management“ und eine „unabhängige Governance-Struktur“ bei der Truck-Tochter angekündigt, was nur logisch wäre: Motiv für die Abspaltung ist schließlich die Chance, „agiler“ zu werden und eigenständige Entscheidungen ohne langwierige Konzern-Abstimmungsprozesse zu treffen.

Aber genauso klang es bei den Healthineers – und doch hält Siemens die Ex-Sparte weiter an der kurzen Leine: Noch immer kommen fünf von neun Aufsichtsräten aus dem Siemens-Reich. Erst nach der Hauptversammlung am Freitag erhalten die Unabhängigen um Marion Helmes und Philipp Rösler Verstärkung (durch unseren „Aufsichtsrat der Woche“).

Wir sind gespannt, ob Källenius beim avisierten Daimler-Trucks-Börsengang mehr Unabhängigkeit zulässt.