Kramarsch vs. Singer & Co. – Auf dem Weg zum „Ehrbaren Investor“?

Die Gefahr unheiliger Allianzen zulasten von Unternehmen wächst. Wir brauchen deshalb neue Leitlinien für professionelle Investoren – und stärkere Aufsichtsräte.  

Wie Sie wissen, beäugen wir den wachsenden Einfluss von Investoren auf die Unternehmensführung skeptisch. Das freut nicht alle Leser. So bekamen wir jüngst zu hören, wir würden „alle Investoren in einen Topf werfen“. Deshalb in aller Deutlichkeit: Uns ist bewusst, dass es etliche professionelle Aktionäre gibt die langfristig denken und keineswegs aufs schnelle Geld schielen.

Aber es gibt eben auch die aggressiven Aktivisten à la Paul Singer, die vehement auf Firmenverkäufe, hohe Dividenden und/oder Aktienrückkäufe drängen (oft zulasten von Zukunftsinvestitionen). Und derzeit sieht es danach aus, als würden sie 2021 aktiver: Die Unternehmensberatung BCG prognostiziert eine Zunahme aktivistischer Kampagnen.

Die Angreifer dürfen auf Unterstützung klassischer Investoren hoffen. „Oft sind Aktivisten schon mit kleinen Anteilen erfolgreich, weil sich nicht selten große Vermögensverwalter anschließen“, schreibt das Handelsblatt. In der Tat: Wenn schnelle Renditen locken, kommen bisweilen auch Fondsgesellschaften in Versuchung, die sich langfristiges Denken auf die Fahnen geschrieben haben.

Ehrbare Investoren – oder Aktionärskartelle zulasten ehrbarer Kaufleute?  

Hinzu kommt, dass sich die Strategien von Aktivisten und Finanzinvestoren laut BCG-Studie angleichen. Klassisches Beispiel ist das US-Investmenthaus Cerberus, das jüngst bei der Commerzbank wie ein Aktivist auftrat.

Für uns ist deshalb klar: Trotz aller hehren Versprechen der Finanzbranche wächst die Gefahr, dass sich unheilige Allianzen zulasten von Unternehmen bilden. Aus ökonomischer Sicht wirft das die Frage auf, wann die Grenze zu einem Investoren-Kartell überschritten ist – und wie sich der Missbrauch von Marktmacht verhindern lässt.

Der Corporate-Governance-Experte Michael Kramarsch hat gerade vorgeschlagen, das „Leitbild eines Ehrbaren Investors“ zu etablieren (durch „mit größtmöglicher Verbindlichkeit versehene extern überprüfbare Vorgaben“). Das ist ein kluger und wichtiger Impuls, darf aber nicht das einzige Handlungsfeld bleiben.

Statt allein auf ehrbare Investoren zu setzen, müssen wir zudem diskutieren, wie wir aggressive Aktionäre aus den Kontrollgremien raushalten. Wir plädieren deshalb unter anderem dafür, dass Aufsichtsräte nicht für Anteilseigner arbeiten dürfen (siehe dazu die „VARD-Agenda für bessere Unternehmensführung“).  Das wäre ein echter Gamechanger.