Ebeling, Nikutta & Co.: Warum Aufsichtsräte Psychologen brauchen

Chefkontrolleure auf die Couch? Das mag in Einzelfällen angezeigt sein. Entscheidend ist aber, dass sie psychologische Expertise ins Gremium holen.

Boni beinträchtigen die intrinsische Motivation und den moralischen Kompass. Starre Zielvorgaben gehen zulasten der Kreativität. Und nein: Menschen sind keineswegs von Natur aus egoistisch. Das sind drei wissenschaftliche Erkenntnisse, die unter Psychologen und Soziologen inzwischen als gesichert gelten.

Dennoch basieren Governance-Strukturen, Compliance-Systeme und Managergehälter vielerorts noch auf anderen, veralteten Vorstellungen. Menschen sind faul und brauchen finanzielle Anreize. Menschen sind schlecht und müssen streng kontrolliert werden. Ohne detaillierte Zielvorgaben läuft gar nichts. So denken noch immer viele Entscheider.

Wie lässt sich diese Diskrepanz erklären? Wir sind überzeugt: Ein zentraler Faktor ist die Tatsache, dass in den Aufsichtsräten Juristen und Betriebswirte dominieren, deren akademische Prägung Jahrzehnte zurückliegt. Damals glaubten viele noch an den Mythos vom „homo oeconomicus“, der stets den eigenen Vorteil anstrebt und dabei rational handelt.

Homo oeconomicus? Homo puppy!

Aufsichtsräte brauchen deshalb Experten, die sich mit der Psyche auskennen und neue Erkenntnisse berücksichtigen. Eine optimale Basis dafür ist ein Psychologie-Studium, wie es etwa Deutsche-Bahn-Managerin und Ex-Vossloh-Aufsichtsrätin Sigrid Nikutta absolviert hat. Auch der frühere ProSiebenSat.1-Chef und Multi-Aufsichtsrat Thomas Ebeling hat Psychologie studiert.

Sicher: In Aufsichtsräten ist nicht genug Platz, um für jede Herausforderung einen eigenen Experten zu holen. Wer keinen ausgewiesenen Psychologen engagiert, muss aber umso intensiver darauf hinwirken, dass die Gremienmitglieder sich auch in diesem Bereich weiterbilden.

Zum Einstieg können wir den Bestseller „Im Grunde gut – Eine neue Geschichte der Menschheit“ von Rutger Bregmann empfehlen. Der Niederländer fasst den aktuellen Stand der psychologischen und soziologischen Forschung prägnant zusammen – und macht deutlich: Wir sind eher der freundlich-soziale „homo puppy“ als der egoistisch-rationale „homo oeconomicus“.