Tim Ford vs. Martin Brudermüller – Das große China-Dilemma

Warum europäische Unternehmen nach dem G7-Gipfel ins Visier der Pekinger Autokraten geraten könnten – und was Aufsichtsräte und Vorstände von einem australischen Weinhändler lernen können.

US-Präsident Joe Biden hat am Wochenende eine Allianz der Demokraten gegen China geschmiedet. Entscheider sollten sich deshalb dringend mit Tim Ford beschäftigen. Denn der CEO des australischen Getränkekonzerns Treasury Wine Estates sieht sich bereits mit Sanktionen konfrontiert: China hat Strafzölle für Weinexporte verhängt, nachdem die australische Regierung Peking mehrfach verärgert hatte – etwa durch den Ausschluss von Huawei beim 5G-Netzausbau.

Mit der Demokraten-Allianz wächst nun die Gefahr, dass sich der geopolitische Systemwettbewerb verschärft. Auch europäische Unternehmen könnten deshalb zwischen die politischen Fronten und ins Visier der Pekinger Autokraten geraten. Strafzölle, gezielte Sanktionen und sogar ein „Decoupling“ sind spätestens nach dem G7-Gipfel realistische Szenarien. Das starke Engagement vieler Konzerne in China wird damit zum akuten Fall fürs Risikomanagement.

Aufsichtsräte und Vorstände, die über die Laufzeit ihrer aktuellen Verträge hinausdenken, müssen deshalb jetzt Worst-Case-Szenarien veranlassen. Was droht, wenn der Konflikt weiter eskaliert und China mit Repressionen gegen europäische Unternehmen reagiert?

Risiken streuen statt vor Autokraten katzbuckeln  

Zudem sollten sie ergebnisoffen prüfen, inwieweit sich die China-Abhängigkeit reduzieren lässt – etwa durch Investitionen in anderen Wachstumsmärkten. Diese Option wird uns oft zu schnell vom Tisch gewischt. Vielerorts ist der Glaube an den unaufhaltsamen Aufstieg Chinas ungebrochen; ein stärkeres Engagement auf dem Riesenmarkt gilt als „alternativlos“.

Laut einer aktuellen Umfrage wollen 59 Prozent der EU-Unternehmen, die in China aktiv sind, ihr Geschäft dort ausweiten. Das ist ein Plus von acht Prozentpunkten gegenüber dem Vorjahr – trotz zunehmender politischer Spannungen. Zu den China-Gläubigen zählt beispielsweise BASF-Chef Martin Brudermüller, der jüngst einen Ausbau des Batterie-Geschäfts ankündigte.

Derlei Strategien könnten sich bitter rächen. Weil das chinesische Wachstumsmodell an Grenzen stößt. Weil Sanktionen Investitionen zunichtemachen. Und weil Abhängigkeiten Entscheider zwingen, vor einem immer aggressiver auftretenden Regime zu katzbuckeln, statt klare Kante gegen Menschenrechtsverletzungen zu zeigen (Reputationsrisiko!).

Klüger wäre es, von Tim Ford zu lernen: Der australische Weinmanager setzt nun verstärkt auf Kunden in Ländern wie Thailand, Südkorea und den USA. „Wir sind begeistert von den neuen Möglichkeiten, die vor uns liegen“, sagt er. Die Aussage zeigt zugleich: Der China-Fokus hat lange den Blick darauf verstellt, was anderswo möglich ist. Europäische Entscheider sollten diesen Fehler nicht wiederholen.