Katja Kraus vs. Gianni Infantino: Der Governance-Kampf im Profi-Fußball

Ob Vereine oder Verbände: In Sachen Corporate Governance hinkt der Profi-Fußball weit hinterher, wie die EM erneut offenbart hat. Gut, dass Expertinnen jetzt Druck machen.  

Unter dem Eindruck der Europameisterschaft haben wir in den letzten Wochen noch öfter als sonst über Fußball diskutiert. Und da gab es auch jenseits von Ergebnissen, Leistungen und taktischen Formationen spannende Themen – etwa mit Blick auf die UEFA. Denn der EM-Veranstalter, der sich Vielfalt auf die Fahnen geschrieben hat, ließ großen Worten keine Taten folgen.  

Im Gegenteil: Der Verband verbot die Beleuchtung des Münchner Stadiums in Regenbogenfarben und hofierte Autokraten, die mit Diversity nichts am Hut haben. Wer die Strukturen der UEFA kennt, dürfte davon aber kaum überrascht gewesen sein. So ist unter den 20 Mitgliedern des „Executive Committee“ gerade mal eine Frau (aus Deutschland gehören dem Gremium Ex-Bayern-Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge und DFB-Funktionär Rainer Koch an).     

In anderen Verbänden und in Vereinen sieht es ähnlich aus: Der Aufsichtsrat von Bayern München, angeführt von Ex-Adidas-Chef Herbert Hainer? Eine frauenfreie Zone. Im 17-köpfigen DFB-Präsidium ist Hannelore Ratzeburg die Exotin. Und selbst der FIFA-Rat kommt trotz vollmundiger Governance-Versprechen nur auf eine Frauenquote von 16 Prozent. Das dürfte dazu beitragen, dass Präsident Gianni Infantino nach Belieben schalten und walten darf.   

Kraus, Papenburg, Steinhaus: „Fußball kann mehr“ 

Eine Initiative um die frühere Bundesliga-Torhüterin und HSV-Vorständin Katja Kraus drängt nun auf buntere, gemischtere Gremien. Gemeinsam mit Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus, ZDF-Reporterin Claudia Neumann, Moderatorin Gaby Papenburg und fünf weiteren Fußball-Expertinnen hat Kraus ein Papier mit dem Titel „Fußball kann mehr“ vorgelegt.  

Die Verfasserinnen fordert darin unter anderem eine 30-prozentige Frauenquote in Vereinen und Verbänden. Wir meinen: Wenn eine solche Vorgabe irgendwo notwendig ist, dann im Fußball-Business. Ähnlich wie die Quote für Aufsichtsräte könnte sie zur Initialzündung werden, um alte Netzwerke aufzubrechen, Gremien zu professionalisieren und Diversity vom Lippenbekenntnis zur gelebten Praxis zu machen.  

Und machen wir uns nichts vor: Eine Professionalisierung ist auch aus betriebswirtschaftlichen Gründen bitter nötig. Sonst geraten das deutsche „50+1-Modell“ und die deutsche Vereinskultur weiter unter Druck. Wer nicht will, dass der Fußball zum Spielball der Superreichen wird, sollte Kraus & Co. deshalb die Daumen drücken. Denn nur mit Good Governance und guten Aufsichtsräten lassen sich diejenigen ausbremsen, die Investoren als Königsweg zur Professionalisierung ansehen.