Afrika – der blinde Fleck deutscher Vorstände

Ein Blick in die Chefetagen offenbart: Es ist kein Zufall, dass viele Unternehmen Zukunftsmärkte in Afrika links liegen lassen. Aufsichtsräte sollten sich mit einer weiteren Diversity-Kategorie befassen.  

Die Botschaft von Siegfried Russwurm an die jungen Führungskräfte war klar: Afrika sei ein Chancenkontinent, sagte der BDI-Präsident in seiner Keynote zur „AGYLE Week 2021“. Davon müssten die „African German Young Leaders in Business“ (AGYLE) nun diejenigen überzeugen, die in den Unternehmen über Investitionen entscheiden. Sprich: die Vorstände.

Nun hat Siegfried Russwurm einen Vorteil: Er kennt Afrika, weil er als Siemens-Vorstand für die Region verantwortlich war. Später fungierte der heute 58-Jährige als Vorsitzender der Nordafrika-Mittelost-Initiative der deutschen Wirtschaft.

Derlei Afrika-Expertise ist in den Chefetagen der Wirtschaft aber leider die Ausnahme. Dax-Vorstände von Martin Brudermüller (BASF) bis Roland Busch (Siemens) haben sich ihre Sporen in Fernost verdient. Berufliche Stationen in Afrika sucht man in den Lebensläufen meist vergeblich.

China-Optimismus vs. Afrika-Pessimismus

Das ist nicht verwunderlich: China gilt seit mehr als zwei Jahrzehnten als Wachstumsmarkt der Zukunft. Ambitionierte Manager zieht es deshalb in Scharen nach Fernost, um sich dort für höhere Aufgaben zu qualifizieren – oft mit Erfolg.

Das hat zu einem hohen Anteil von Asien-Kennern in Vorständen geführt. Zugespitzt formuliert: Entscheider kennen die Wachstumsmärkte der Vergangenheit und der Gegenwart, aber nicht die der Zukunft. Vielen gilt Afrika weiter pauschal als K-Kontinent der Krisen, Kriege und Katastrophen, obwohl sich vielerorts eine erstaunliche wirtschaftliche Dynamik entfaltet.

Das birgt nicht nur das Risiko, Wachstumschancen zu verschenken: Der China-Bias in vielen Chefetagen hat bereits zu Abhängigkeiten geführt, die sich im geopolitischen Systemwettbewerb bitter rächen könnten.

Aufsichtsräte sollten deshalb genau hinschauen, wie ihr Vorstand mit Blick auf Wachstumsmarkt-Expertise aufgestellt ist. Denn diese Diversity-Kategorie wird vielerorts sträflich vernachlässigt. Zugleich sollten Vorstände über das Ende ihrer Amtszeit hinausdenken. Denn je langfristiger der Blick, desto mehr spricht für einen stärkeren Afrika-Fokus. Wer das bezweifelt, sollte den Beststeller Factfulness lesen.