Besser als Luisa Neubauer? Die Klima-Experten in deutschen Aufsichtsräten

Nachhaltigkeitskompetenz ist in Deutschlands Kontrollgremien weiter rar. Zum Vorbild avanciert ausgerechnet ein Aufsichtsratschef, der besonders unbeholfen startete. 

Erinnern sie sich? Vor gut zwei Jahren hat Joe Kaeser versucht, die Klima-Aktivistin Luisa Neubauer für den Aufsichtsrat von Siemens Energy zu rekrutieren. Doch er holte sich eine Abfuhr – und erntete reichlich Spott und Kritik. Doch inzwischen hat Kaeser seine Scharte ausgewetzt, wie ein Blick auf das Gremium zeigt.

Denn unter den Aufsichtsräten ist mit Sigmar Gabriel nicht nur ein ehemaliger Umweltminister: Immerhin zwei weitere Gremienmitglieder verfügen über ausgeprägte unternehmerische Nachhaltigkeitskompetenz. So saß die in Kuba geborene Energiemanagerin Geisha Jimenez Williams (60) zwei Jahre im Aufsichtsrat des „Morgan Stanley Institute for Sustainable Investing“.

Und ihre Kollegin Laurence Mulliez (55) ist hauptberuflich Präsidentin des britischer Globeleq Ltd., einem der größten Energieversorger in Afrika. Das Unternehmen betreibt vor allem Gaskraftwerke, Solar- und Windparks. Zudem leitet die Französin den Verwaltungsrat der italienischen Voltalia SA, die allein auf Erneuerbare Energien setzt.

Lise Kingo, Barbara Kux – und sonst?

Derlei Expertise muss man in anderen Aufsichtsräten lange suchen. Okay, Sigmar Gabriel überwacht auch die Deutsche Bank. Bei Henkel wirkt die frühere Siemens-Nachhaltigkeitschefin Barbara Kux. Und Covestro hat mit Lise Kingo die Ex-Direktorin der Nachhaltigkeitsinitiative UN Global Compact engagiert (zuvor war sie Managerin bei Novo Nordisk, danke für den Hinweis).

Aber ansonsten? Ob Adidas, Daimler oder Vonovia – Aufsichtsräte mit aus- und nachgewiesener ESG-Expertise sucht man oft vergebens. Angesichts der elementaren Bedeutung der grünen Transformation sind Deutschlands Kontrollgremien hier erschreckend schlecht aufgestellt (siehe dazu diesen Gastbeitrag von Ingo Speich im Handelsblatt).

Dabei muss es ja nicht direkt eine Fridays-for-Future-Aktivistin sein: In der ergrünenden Wirtschaft gibt es immer mehr ESG-Experten, die betriebswirtschaftliche Kernkompetenz und unternehmerische Erfahrung mitbringen. Wir denken da etwa an Manager von Nachhaltigkeitsbanken, ESG-Analysehäusern oder Clean-Tech-Unternehmen.

Brücke zwischen Old und Green Economy

Der Haken: Protagonisten der grünen Wirtschaft bewegen sich häufig nicht in den Netzwerken der Old Economy. Und einige halten sogar ganz bewusst Abstand – nach der Devise: Wir sind die Guten.

Doch Berührungsängste bringen uns nicht weiter. Deshalb sind jetzt Brückenbauer gefragt – allen voran: Aufsichtsratschefs, die Nachhaltigkeitsexperten überzeugen, dass sie nicht als grüne Feigenblätter, sondern als Impulsgeber fungieren sollen.

Joe Kaeser hat nach seinem ersten unbeholfenen Versuch gezeigt, dass er Brücken zwischen Old und Green Economy bauen kann. Das verdient Respekt. Und Nachahmer.