Jackie Joyner-Kersee & Co. – die bunten Vögel in deutschen Aufsichtsräten

Zu altgedienten Managern gesellen sich immer öfter schillernde Persönlichkeiten aus Sport, Politik und Zivilgesellschaft. Aber sind die Neuzugänge tatsächlich Impulsgeber – oder nur Feigenblätter?  

Viele von Ihnen werden sie kennen: Im Aufsichtsrat von Adidas sitzt seit der Hauptversammlung im Mai die ehemalige Weltklasse-Leichtathletin Jackie Joyner-Kersee. Für die 59-Jährige, die mit ihrer Stiftung Kinder und Jugendliche fördert, ist es das erste Mandat. Aufsichtsratschef Thomas Rabe begründete Joyner-Kersees Nominierung mit ihrer „langjährigen Erfahrung im US-amerikanischen Sportmarkt“.

Die Personalie steht für einen spannenden Trend: Unternehmen setzen auf Experten, die noch vor wenigen Jahren keine Chance gehabt hätten. So hat Bayer mit Ertharin Cousin die frühere Chefin des Welternährungsprogramms in den Aufsichtsrat berufen. Und Covestro engagierte Lise Kingo, die Ex-Direktorin des UN Global Compact (eine Initiative für unternehmerische Nachhaltigkeit).

Nachdem Neuzugänge wie Designforscherin Gesche Joost (SAP) oder Agenturgründerin Fränzi Kühne (Freenet) lange seltene Ausnahmen waren, sind Überraschungen nun fast an der Tagesordnung.  Aufsichtsratschefs, so scheint es, zünden in Sachen Vielfalt die nächste Stufe. Es geht nicht mehr allein um „mehr Frauen“, sondern auch um Kompetenzen außerhalb des gewohnten Spektrums.

Gibt’s einen „Aufsichtsrat im Aufsichtsrat“?

Das ist gut, weil vermeintliche Exoten wie Jackie Joyner-Kersee neue Perspektiven eröffnen und Debatten befruchten. Die Frage ist jedoch: Hat die Phalanx altgedienter Manager, der sich die Newcomer in der Regel gegenübersehen, echtes Interesse an deren Perspektiven? Oder dienen „bunte Vögel“ als Feigenblätter, mit denen Aufsichtsräte ihr „Weiter so“ kaschieren?

Skeptisch sind wir vor allem da, wo die Phalanx besonders stark ist. Natürlich: Erfahrene Manager sind und bleiben für jedes Kontrollgremium elementar wichtig. Aber wenn zu viele zu lange amtieren, wächst die Gefahr eines „Aufsichtsrats im Aufsichtsrat“, der sich neuen Impulsen verschließt. Das gilt in besonderem Maße, wenn an der Spitze der ehemalige Vorstandschef steht.

In solchen Fällen muss es nun darum gehen, die Machtverhältnisse neu auszutarieren. Und das heißt: Nach und nach altgediente Mitglieder der Phalanx durch jüngere Manager, Unternehmer und Experten ersetzen, die offener sind für neue Impulse. Denn nur dann können „bunte Vögel“ die Aufsichtsräte bereichern.