Bock, Rabe, Reitzle – Warum segnen Aufsichtsräte Aktienrückkäufe ab?

Corona-Krise. Digitalisierung. Klimaschutz. Doch statt Geld zurückzulegen oder kräftig zu investieren, kaufen Dax-Konzerne massenhaft Aktien. Ein Offenbarungseid, der erhebliche Probleme in den Aufsichtsräten offenbart.

Haben Sie sich auch verwundert die Augen gerieben? Deutsche Unternehmen wollen bis zu 17 Mrd. Euro für Aktienrückkäufe ausgeben, meldete jüngst das Handelsblatt. Ein Rekordwert. Als wäre die Corona-Krise längst ausgestanden. Als drohten keine Lieferprobleme, Produktionsstopps und Umsatzausfälle mehr. Und als gäbe es keine Notwendigkeit, Milliarden in den Klimaschutz zu investieren.

Was treibt große Aktienrückkäufer wie Linde (4,3 Mrd. Euro), Adidas (4 Mrd.) oder BASF (3 Mrd.)? Fällt Vorständen nichts Besseres ein oder bleibt ihnen nichts anderes übrig, weil Investoren Druck machen? Vermutlich eine Mischung aus Beidem, gepaart mit einer Neigung zu Kurspflege und Kurzfrist-Denken (bis zum Auslaufen des Vorstandsvertrages).

Aufsichtsräte müssten deshalb zum Wohl des Unternehmens eingreifen. Sie müssten Druck von Investoren abfedern, an Zukunftsaufgaben erinnern, unternehmerische Initiative einfordern. Und sie müssten Scheinargumente für Aktienrückkäufe entlarven, etwa wenn Vorstände auf Kapitalmarkt-Usancen verweisen. Doch das ist offenbar nicht geschehen. Weder bei Linde noch bei Adidas noch bei BASF.

Zu viele Investoren, zu wenige Unternehmer

Um das nachvollziehen zu können, hilft ein Blick auf die Zusammensetzung der Aufsichtsräte. Hier offenbaren sich drei große Probleme: Es mangelt an echten Unternehmern. Investoren haben großen Einfluss. Und es dominieren ehemalige Manager aus der Old Economy, die viel Verständnis für Vorstände und wenig Klimaschutz-Knowhow mitbringen.

Bei Linde etwa geben frühere Vorstände wie Wolfgang Reitzle (72), Clemens Börsig (73), oder Martin Richenhagen (69) den Ton an. Familienunternehmer, Gründer, ESG-Experten? Fehlanzeige. Ähnlich sieht es bei BASF aus, wo Ex-CEO Kurt Bock unter anderem eine Investmentbankerin, einen IBM-Manager und zwei frühere Vorstände um sich versammelt hat.

Beim Adidas-Aufsichtsrat um Thomas Rabe wiederum fällt auf: Mit Ian Gallienne (CEO der Groupe Bruxelles Lambert) und dem Ägypter Nassef Sawiris sind gleich zwei Großaktionäre vertreten, die massiv von Aktienrückkäufen profitieren. Hinzu kommen Kontrolleure wie JP-Morgan-Bankerin Jing Ulrich oder Ex-Daimler-Finanzchef Bodo Uebber, die Kapitalmarkt-Interessen ebenfalls gut kennen und verstehen. Da rücken die Interessen des Unternehmens schnell in den Hintergrund.