Snabe vs. Kaeser: Das Ende der Multi-Aufsichtsräte?

Overboarding: Vielbeschäftigte Kontrolleure geraten verstärkt ins Visier der Aktionäre. Einige erkennen die Zeichen der Zeit, andere sammeln weiter Posten als hätte ihr Arbeitstag 24 Stunden.

Jim Hagemann Snabe legt gleich zwei Mandate nieder: Der frühere SAP-Chef verlässt die Kontrollgremien von Allianz und Maersk, wie zu Monatsbeginn bekannt wurde. Damit hat der 56-Jährige künftig mehr Zeit, sich auf seine Aufgabe als Siemens-Aufsichtsratschef zu konzentrieren. Er trage damit den „von Aktionären geäußerten Bedenken Rechnung“, kommentierte Snabe.

Andere Multi-Aufsichtsräte reduzieren ebenfalls. Karl-Heinz Streibich zum Beispiel ist neuerdings nicht mehr Aufsichtsratschef der Software AG. Allerdings ist der 69-Jährige weiter Mitglied in den Kontrollgremien von Telekom, Siemens Healthineers und Munich Re. Zudem fungiert er als Präsident der Deutschen Akademie für Technikwissenschaften (acatech).

Zu den vielbeschäftigen Aufsichtsräten gehört auch Joe Kaeser mit zwei Posten als Chefkontrolleur (Siemens Energy, Daimler Trucks) und einem Mandat bei Linde. Ähnlich ist es bei Wolfgang Reitzle, der trotz seiner 72 Jahre noch immer als Doppel-Aufsichtsratschef amtiert (Conti, Linde).

Ämterhäufung statt Generationswechsel

Sicher: Verglichen mit Deutschland-AG-Zeiten, als selbst zweistellige Posten-Zahlen kaum für Nasenrümpfen sorgten, muten heutige Multi-Aufsichtsräte zurückhaltend an. Aber was besser wird, ist noch lange nicht gut. Für eine effektive Überwachung müssen einige Kontrolleure weitere Posten niederlegen. Klares Overboarding ist aus unserer Sicht insbesondere mehr als ein Aufsichtsratsvorsitz.

Denn in Krisensituationen wird ein Chefkontrolleurs-Amt schnell zum Fulltime-Job – zumindest, wenn man seine Aufgabe ernst nimmt. Statt ihre Arbeitstage vollzupacken, sollten Aufsichtsräte deshalb stets einen Puffer einplanen. Alles andere ist für Unternehmen brandgefährlich.

Hinzu kommt, dass es schlicht nicht nötig ist, Aufsichtsräte zu engagieren, der schon mehrere Mandate ausüben. Da draußen wartet eine Vielzahl von Experten, die jedes Kontrollgremium bereichern können. Aber sie geraten nicht auf den Radar, weil viele Aufsichtsratschefs und Personalberater noch immer in ihren gewohnten Netzwerken suchen.

Es ist deshalb höchste Zeit, einer neuen Generation von Aufsichtsräten den Weg in die Kontrollgremien zu ebnen.