Greenpeace, Amnesty & Co.: Wer überwacht eigentlich die Guten?

Zivilgesellschaftliche Organisationen (NGO) beeinflussen politische Entscheidungsprozesse maßgeblich. Höchste Zeit, über ihre Governance-Strukturen zu reden.

Die Bundesregierung dürfe nicht „noch mehr Geld in den Rachen der Rüstungsindustrie stopfen“, kritisierte ein Greenpeace-Experte kurz nach Ausbruch des Krieges in der Ukraine. Sie müsse angesichts der drohenden Hungerkrise den Entwicklungsetat aufstocken, forderte wenig später „Brot für die Welt“. Auch etliche weitere NGO haben sich in den letzten Wochen mit politischen Appellen zu Wort gemeldet.

Ihre Stimmen haben Gewicht, denn sie vertreten Tausende, bisweilen Hunderttausende Mitglieder und Unterstützer. Aber stehen sie wirklich hinter den Forderungen, zumindest mehrheitlich? Das ist völlig unklar, denn für NGO gelten – anders als für Parteien – keine strengen Vorschriften in Sachen Transparenz und Mitgliederbeteiligung.

Damit besteht die Gefahr, dass sich die Führungsriege von der Basis entkoppelt – und dass Geschäftsführer im Namen ihrer Mitglieder Forderungen aufstellen, die nicht mal intern mehrheitsfähig sind.

Simrock und Tenhagen im Greenpeace-Aufsichtsrat

Wichtig wären deshalb kompetent und vielfältig besetzte Aufsichtsgremien, die genau beobachten, ob Entkopplungseffekte auftreten. Schaukeln sich Führungskräfte zu Maximalpositionen hoch? Werden interne Kritiker ignoriert oder gar mundtot gemacht?

Doch NGO-Governance scheint vielerorts kaum eine Rolle zu spielen. So muss man auf der Greenpeace-Seite eine Weile suchen, um auf einem PDF-Dokument zumindest die Namen der sieben Aufsichtsräte zu entdecken (ihr Chef ist ein Herr Stefan Simrock, das wohl prominenteste Mitglied der Finanzexperte Hermann-Josef Tenhagen). Angaben zu Qualifikationen? Fehlanzeige.

Bei anderen NGO sieht es ähnlich aus. So listet Brot für die Welt die 22 Aufsichtsratsmitglieder ebenfalls auf einem PDF-Dokument auf, immerhin mit Berufen. Positiv aufgefallen ist uns – zumindest in Sachen Transparenz – Amnesty International, wo Ex-Telekom-Manager Christopher Schläffer im International Board sitzt.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Wir finden zivilgesellschaftliche Stimmen in Zeiten wie diesen wichtiger denn je. Aber die derzeitigen Strukturen bergen Risiken für die Glaubwürdigkeit. Das sollten NGO ernstnehmen, gerade mit Blick auf die wachsende Kritik an Greenpeace und Amnesty International (ein AI-Funktionär hatte das Existenzrechts Israels infrage gestellt).

Governance-Reformen und starke Aufsichtsräte sind in ihrem eigenen Interesse – und im Interesse ihrer wichtigen Anliegen.