Mehr Politiker in die Aufsichtsräte!

Ja, Sie haben richtig gelesen. Wir wünschen uns mehr Politiker in den Aufsichtsräten, obwohl wir bisher geradezu mantrahaft gefordert haben, lieber „Profis“ zu berufen. Eine 180-Grad-Wende? Nur auf den ersten Blick.

Putins brutaler Angriffskrieg in der Ukraine unterstreicht auf erschütternde Weise, dass die geopolitischen Risiken für Unternehmen erheblich gestiegen sind. Viele Vorstände und Aufsichtsräte müssen nun schmerzhafte Entscheidungen fällen: Ziehen wir uns auf Russland zurück? Verringern wir die Abhängigkeit von China, der anderen Diktatur mit Großmacht-Ambitionen? Und wenn ja: In welchen Ländern sollen wir stattdessen investieren?

Bei solchen Entscheidungen hilft außenpolitische Expertise ungemein, und deshalb gilt es festzuhalten: Manche Berufung in den Aufsichtsrat, die in den letzten Jahren als verkappter Lobbyismus geschmäht wurden, war weitsichtig. Wir denken da etwa an den Einzug von Ex-Außenminister Sigmar Gabriel in die Aufsichtsräte von Deutscher Bank und Siemens Energy.

Vor diesem Hintergrund haben wir uns gefragt: Wie sieht es eigentlich in den Aufsichtsräten der Unternehmen mit starken Russland-Geschäft in Sachen Polit-Kompetenz aus?

Vorschlag: Außenpolitik-Experten für Weil und Althusmann

Ob Metro, Stada oder der Mähdrescher-Hersteller Claas: Ausgewiesene Experten sucht man vergeblich. Umso wichtiger ist es jetzt, dass die Aufsichtsratsvorsitzenden externe Expertise einholen – etwa, indem sie einen Politikwissenschaftler zur nächsten Sitzung einladen.

Und bevor sich jetzt in Wolfsburg jemand die Hände reibt: Es geht uns um geo- bzw. außenpolitische Kompetenz, nicht um Erfahrungen in der Landespolitik. Zudem sorgen aktive Ministerpräsidenten und Minister im Aufsichtsrat für erhebliche Interessenkonflikte. Aber wie wäre es damit?

Stephan Weil (SPD) und Bernd Althusmann (CDU) überlassen ihre VW-Mandate jeweils einem ehemaligen Außen-Politiker, notfalls auch aus der eigenen Partei. Das wäre aus unserer Sicht ein tragfähiger Kompromiss zwischen politischer Einflussnahme und der Professionalisierung des Aufsichtsrats. Und klar ist auch: Angesichts der gefährlichen Abhängigkeit von China gehört VW zu den Konzernen, die derlei Expertise bitter nötig haben. Wie wäre es, die Herren?