Bayer & Temasek – der Wirtschaftskrieg erreicht die HV-Saison

Es gibt gute Gründe, die Bayer-Strategie zu kritisieren. Aber dass der Staatsfonds eines autokratischen Landes gerade jetzt zum Angriff bläst, sollte die Alarmglocken schrillen lassen.  

Bayer droht am 29. April eine turbulente Hauptversammlung. Denn Widerstand kommt dieses Jahr nicht nur von den üblichen Verdächtigen, sondern auch vom Großaktionär Temasek. Der Staatsfonds aus Singapur, der vier Prozent der Anteile hält, fordert die Ablösung von CEO Werner Baumann. Laut Medienberichten denkt Temasek sogar darüber nach, ein Misstrauensvotum zu beantragen.

Nun gibt es gute Gründe, Werner Baumann zu kritisieren. Das Timing überrascht indes, denn bisher galt Temasek als Unterstützer der Bayer-Strategie. Somit drängen sich Fragen auf: warum jetzt? Und warum so plötzlich?

Eine mögliche Erklärung: Das autokratische Singapur setzt seinen Fonds als Waffe im Wirtschaftskrieg mit dem Westen ein. Der Widerstand wäre demnach ein Versuch, Bayer zu destabilisieren. „Krieg in Europa, globale Ernährungskrise, und ein Staatsfonds attackiert ein systemrelevantes Unternehmen“, kritisiert der EU-Parlamentarier Dennis Radtke (CDU). Das werde „auf Widerstand der Politik“ stoßen.

Staatsfonds raus aus den Aufsichtsräten

Gegen diese Deutung spricht, dass Singapur die Sanktionen gegen Russland mitträgt (anders als China). Aber womöglich ist genau das der Auslöser für den plötzlichen Aktivismus: Singapur könnte den Regierungen in Peking und Moskau signalisieren, dass man sich nicht voll auf die Seite des Westens geschlagen hat – und Bruder im Geiste bleibt.

Zugegeben: Das lässt sich noch nicht abschließend beurteilen. Aber der Fall zeigt eindrucksvoll, wie gefährlich der Einfluss staatlicher Fonds in Zeiten verschärfter geopolitischer Spannungen ist bzw. werden kann.

Es ist deshalb höchste Zeit, über strengere Regeln für Aktionäre aus Diktaturen zu reden. So sollten wir schnellstmöglich dafür sorgen, dass Investoren aus China, Russland & Co. nicht mehr in Aufsichtsräte einziehen dürfen – am liebsten im Rahmen einer umfassenden Initiatitive für höhere Corporate-Governance-Standards an der Börse (siehe dazu das Editorial von Peter H. Dehnen).